(Bauhaus, 2008) Vor ein paar Monaten kramte ich die letzte Platte der ehemaligen Goth-Formation Bauhaus heraus, um sie an dieser Stelle vorzustellen. Da sich die Band 1983 mehr oder weniger aufgelöst und hernach nie wieder eine gemeinsame Platte aufgenommen hatte, hielt ich das für einen sicheren Nachruf, 25 Jahre posthum.

Ironischerweise war das weit gefehlt: Nur Wochen später kam Bauhaus mit einem neuen letzten Album heraus.
Wie emsiges Surfen schnell herausbrachte, hatte sich Bauhaus ohne große Ankündigungen schon in den letzten zwei, drei Jahren immer mal wieder live sehen lassen, meist in den USA und in Verbindung mit einem ihrer zahlreichen Kinder im Geiste, wie etwa den Nine Inch Nails. Da ist man natürlich gespannt, was 25 Jahre Warten aus so einer Band machen, und ob sie womöglich nur eine der vielen ist, die völlig überflüssigerweise und mit meist recht peinlichem Resultat auf den anhaltenden Reunion-Boom aufspringen.
Schwein gehabt: Der Verdacht ist unbegründet. Zum einen erklären Peter Murphy (vox), Daniel Ash (guitars), David Jay (bass) und Kevin Haskins (percussion) unisono, nun komme aber nix nach, keine Tour, kein Anschlussprojekt, nada. Zum anderen übertrifft "Go Away White" aus dem Stand jede Erwartung und macht latentes, nostalgisch begründetes Nachsehen eventueller Schwächen glattweg überflüssig. Was Bauhaus offensichtlich nicht wollte war, seinen ehemaligen, heute in die Jahre gekommenen Anhängern vorzugaukeln, so lange sei das alles gar nicht her.
Statt dessen
Zehn Songs, die vor "mir doch egal ob das jetzt in ist oder nicht oder was" nur so strotzen. Kein Anschleimen an den Zeitgeist, das wird mit dem ersten Lied "Too much 21st century" mal gleich klargestellt, aber auch kein "früher war eh alles besser"-Geheule. Umsetzen von 25 Jahren voller Ideen und Erfahrungen, ganz zu schweigen handwerklichen Fortschritts. Schlappe 16 Tage zwischen dem ersten und letzten Klappen der Studiotür, in wohltuendem Gegensatz zu megalomanischen Narren wie Guns'n'Roses, die monatelang Scharen erlesener Produktionstechniker verschleißen - mit zweifelhaftem Ergebnis. Paralleles Einspielen der meisten Spuren mit coolem Session-Charakter in spürbar relaxter Atmosphäre - wenn etwa Murphy in "Mirror remains" Ash mit einem lauten "solo!" an die nächste Passage erinnert und der aus dem Hintergrund erwidert, "this is the solo!", worauf Murphy wiederum... egal. Relaxt!
Alles recht nett, meinen Sie, aber was es denn nun eigentlich für Musik ist? Pedant. Aber okay, für die, bei denen jedes Ding einen Namen haben muss: Post-New Wave-Lounge-Glamrock mit einer Prise Lou Reed und einem ordentlichen Schuss David Bowie. Oder, wie es der offenbar mit ausgezeichnetem Musikgeschmack gesegnete Kolumnist
Michael Sailer sinngemäß so treffend formulierte: "Die beste Bowie-Platte seit 20 Jahren." Murphy sonort eigenwillig umeinand', Ash steuert samtweiche Backgroundsvocals und donnernde bis wimmernde Gitarren bei, Haskins hält unbeirrbar den Beat, und Jay hat sich schon vor 30 Jahren stets standhaft geweigert, sich durch die dilettantische Einstufung des Basses als Rhythmusinstrument beeindrucken zu lassen.
Immer noch nicht überzeugt? Ab in den Plattenladen, reinhören. Anspieltipps: "Too much 21st century", "International bulletproof talent", "Black stone heart". Ab dafür.



