(Quentin Tarantino, USA/D 2009, 153 Minuten) Brad Pitt, eine Latte wohlwollender Kritiken und die nicht-tot-zu-kriegende Erinnerung an "Pulp Fiction" verschwören sich, um den arglosen Filmfan zu Tarantinos neuestem Werk ins Kino zu locken. Spätestens nach der ersten von gut zweieinhalb Stunden dämmert einem dann, was man schon nach "Death Proof" befürchtet, aber erfolgreich verdrängt hatte - obwohl man durch den Namen Til Schweigers gewarnt hätte sein sollen.

Mei, samma wieder wild heut' ...
Wovor? Tarantino kann's einfach nicht mehr.
Als "sehr persönliche, sehr kühne Version des Zweiten Weltkriegs [...]offenkundig sehr verspielt, jederzeit unterhaltsam" diente uns die Kritik den Streifen an, der Regisseur habe "in diesem Fall wirklich etwas zu sagen", eine "Feier der Macht des Kinos", weil er tue, "was sich das deutsche Kino bis heute nicht traut: Den toten Hitler zu zeigen, sein Gesicht und damit den Mythos selbst zu versehren." Weia. Das ist in der Tat sehr kühn, und geht voll in die Hose.
Was lernen wir daraus? Etwas, das wir eigentlich schon längst verinnerlicht haben sollten: Filmkritiken sind, gleich nach Tagebüchern, inhaltlich so ziemlich die subjektivste Gattung des Geschriebenen Wortes.
Der Plot: Eine Gruppe mehr oder weniger US-jüdischer Soldaten zieht durchs Nazi-besetzte Frankreich, um unter den Deutschen mit maximal brutalen Anschlägen Angst und Schrecken zu verbreiten. Eine ihrer Aktionen kreuzt sich unwissentlich mit der einer als nicht-jüdisch getarnten Kino-Besitzerin in Paris, die es ebenfalls auf einen randvoll mit Nazi-Größen einschließlich Hitler, Goebbels und Göring besetzten Filmsaal abgesehen hat. Durchkreuzt - oder vielleicht am Ende doch nicht, das verschweigen wir wegen der unverbesserlichen Dickköpfe, die sich den Film selbst antun wollen, gell? - wird das ganze von einem kauzigen, aber scharfsinnigen SS-Obristen und einem Gestapo-Major.
Die Form: fünf getrennte Akte, unbekümmert reingeschnittene Rückblenden und Erklärungen, eingeblendete Schriftzüge und dergleichen, ein Haufen Anleihen bei Italo-Western, klassischen Kriegsschinken und anderen Genres, alles bitte schön nur vom gröbsten B-Trash. Komödienelemente im Wechsel mit genussvoll gezoomter Brutalität. Schauspieler aus den jeweils verkörperten Ländern, darunter besagter Til S. und, Gott bewahre, auch noch Daniel Brühl. Sorgfältig ausgesuchte Musik von Ennio Morricone über Zarah Leander bis zu David Bowie.
Das klingt soweit eigentlich gar nicht mal sooo schlecht, wenn's denn irgendwie koherent zusammengeführt würde. Dummerweise wird aber nie ganz klar, was Tarantino eigentlich vorhatte, und so wurstelt der Film trotz einzelner lichter Momente insgesamt oberflächlich vor sich hin, ohne je so recht in Fahrt zu kommen. Tarantinos Begeisterung für Popcorn- und Trash-Filme ist hinlänglich bekannt und durchaus nichts unehrenhaftes; als Beispiel seien nur die großartigen Riddick-Chroniken mit Vin Diesel genannt.
Blöd aber ist es, wenn ums Verrecken kein Spannungsbogen entstehen mag, trotz - oder gerade wegen - der Konzentration darauf, möglichst unkonventionell daherzukommen. Wenn den Zuschauer nach einer Weile der Füllstand seiner Popcorn-Tüte mehr interessiert als die Frage, wie es denn nun auf der Leinwand weitergeht, bleibt nur eines zu konstatieren: Wenn der gute Quentin dermaßen auf alte B-Movies steht, dann soll er sich am besten daheim welche im Original reinziehen, anstatt halbgare Übertragungsversuche ins Mainstream-Kino zu versuchen. Und wer einen wirklich guten Nazi-Verarschungsfilm ohne einen Moment Langeweile sehen will, dem sei wärmstens der unvergessliche Louis de Funés in "
La grande vadrouille" ans Herz gelegt.



