(Clint Eastwood, USA 2003) Aufatmen. In Hollywood entstehen hin und wieder noch Filme ohne Computeranimation, Massenschießereien und spektakuläre Stunts. Clint Eastwood unterstützt einmal mehr diese bedrohte Gattung nicht als Schauspieler, sondern als Regisseur.

"Mystic River" lebt von seiner Story und der Leistung einer Schauspielerriege, vor der sämtliche derzeit angesagten Jungstars sich errötend in eine dunkle Ecke verdrücken müssen. Satt zwei Stunden spannendste Unterhaltung, die nicht nur dicht und überzeugend rüberkommt, sondern im Gegensatz zum üblichen Film-Fast Food auch nach dem Abspann noch im Kopf bleibt. Dass dafür nur ein einziger Golden Globe (für Sean Penn) rausspringt, während Sofia Coppolas "Lost In Translation" groß abräumt, riecht ein bisschen nach Schiebung.
Der Plot klingt nicht besonders aufregend. Jimmy, Sean und Dave spielen auf der Straße, Dave wird von zwei Pädophilen entführt, sie missbrauchen ihn, bis er nach vier Tagen flüchten kann. Jahrzehnte später haben die drei ihre Erinnerungen so weit wie mögliche verdrängt. Dazu gehört auch, dass sie kaum noch Kontakt miteinander haben, und so führt jeder für sich ein wenig aufregendes Leben: Macho Jimmy (Sean Penn) hat vor Jahren 24 Monate im Knast gesessen und herrscht jetzt als Familienvater über einen kleinen Drugstore; der smarte Sean (Kevin Bacon) hat sich aus dem Milieu herausgeackert und ist bei der Mordkommission, seine Frau hat ihn vor sechs Monaten verlassen; Dave (Tim Robbins) hat sein Trauma nie überwunden und lebt in sich gekehrt und zurückgezogen mit Frau und Sohn. Bei so einer Geschichte muss sich Eastwood auf seine Darsteller verlassen können - keine Helden, keine Role Models, kein Stoff zum Träumen, dafür Menschen, die schlecht und recht mit ihrer Vergangenheit klarkommen, mühsam Energie für die Probleme ihrer Gegenwart aufbringen müssen und wissen, dass die Zukunft wohl auch nicht mehr die große Wende bringen wird.
Dann wird Jimmys 19jährige Tochter Kate tot aufgefunden, und es kommt mehr Bewegung in das lethargisch-resignierte Viertel, als irgendwem lieb sein kann. Sean übernimmt mit seinem Partner Whitey (Laurence Fishburne nach "Matrix") den Fall, Daves Erinnerungen rühren sich, Jimmy sucht blindlings nach einem Ventil für seine gewalttätige "Auge um Auge"-Philosophie - irgendeinem. Was folgt, ist jede Minute überzeugend, vermeidet souverän eine Unmenge potenzieller Klischees und wagt es obendrein, deprimierend normale Menschen in einer grauen Wirklichkeit zu zeigen. Das ist unamerikanisch und bedient keine ungeschriebenen Hollywood-Regeln, das ist nicht das, was die Bush-Ära sehen will, das ist gutes Kino mit drei Schauspielern, die zeigen, wozu sich DeNiro schon seit Jahren nicht mehr so recht aufraffen mag.
Eastwoods Verdienst ist noch vor der gewohnt gelungenen Regie (übrigens hat er auch die Musik komponiert) die Auswahl Penns, Robbins' und Bacons. Vor allem Penn verkörpert die Facetten seiner Rolle vom Pascha daheim bis zum Ex-Gauner in der Kneipe so herausragend, dass die Golden Globe-Jury wohl kaum an ihm vorbei konnte, wie er überhaupt einer der Hoffnungsträger des US-Kinos ist: Mit 24 erhielt er 1984 eine Auszeichnung als "Vielversprechendster junger Schauspieler", es folgten fast ausschließlich Rollen weit weg von genormten Beaus wie Tom Cruise. In Brian de Palmas "Carlitos Way" konnte er sich neben Al Pacino behaupten, in "Colors" neben Robert Duvall, in "Dead Man Walking" zeigte er mit Susan Sarandon, dass gute Schauspieler Effekthascherei überflüssig machen. Mühsam gezügelte Gewalttätigkeit liegt ihm anscheinend: In den Jahren seiner Ehe mit Madonna saß er 32 Tage ein, weil er ebenso regelmäßig wie fachgerecht Paparazzi vertrimmte.
Und noch ein letztes Detail freut den Filmfan: In der Nebenrolle eines alten Schnapsladenbesitzers erscheint der mittlerweile fast 90jährige Eli Wallach. Wer das ist? Der, der sich 1967 als "Tuco" in "The Good, the Bad and the Ugly" Eastwoods lakonische Demütigungen gefallen lassen musste.



