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I am Charlotte Simmons

(Tom Wolfe, 2004) Der Mann hat sich schon immer Zeit gelassen für seine Bücher. 1987 "The Bonfire of the Vanities" (irreführend übersetzt mit "Das Fegefeuer der Eitelkeiten"), 1998 "A Man In Full", und 2004 also "I Am Charlotte Simmons".

Und wieder hatte der Miterfinder des "neuen Journalismus'" eine Mission: die Darstellung einer ausgewählten, typischen Facette uramerikanischer Wirklichkeit. Dass er sich nach der New Yorker Börsenwelt und den Wirrungen der Südstaaten mit stolzen 73 Lenzen dafür ausgerechnet die Institution "College" aussucht, spricht für sein Selbstbewusstsein. Wie immer gelingt es ihm, seine Botschaft nachdrücklich zu transportieren - und wie immer leider gegen Ende eine Spur zu nachdrücklich.

Besagte Botschaft wird denn auch schnell klar, und lässt sich zudem schon eingangs dem Zitat einer (fiktiven) Verhaltensstudie entnehmen: Wenn man ein Individuum mit einer bestimmten Sozialisation einer völlig anders geprägten, aber dominanten Umgebung aussetzt, wird dieses Individuum bei passenden Voraussetzungen früher oder später deren typische Verhaltensformen übernehmen - und zwar weitgehend entkoppelt von objektiven beziehungsweise den eigenen früheren Bewertungsmaßstäben. Klingt langweilig und trocken? Ist es aber, Wolfe sei Dank, nicht.

Charlotte Simmons gerät als hochbegabtes Mädel aus einfachsten Verhältnissen in der amerikanischen, puritanischen Provinz per Stipendium an das hochkarätige, überwiegend von verwöhnten Kindern reicher Eltern bevölkerte Dupont-College. Ausgerüstet mit hervorragender Bildung, betonierten moralischen Grundsätzen und messerscharfer Intelligenz durchschaut sie schnell die eitel-dekadenten Spielchen, die das Campus-Leben entgegen der hehren Leitsätze der Universität tatsächlich bestimmen: Ihre Stubengenossin Beverly hat außer Statussymbolen nur das Vernaschen attraktive College-Sportler im Kopf; Jojo Johanssen ist trotz seiner mäßigen geistigen Fähigkeiten als einziger weißer Spieler der erfolgreichen Basketball-Mannschaft ein gottgleicher Superstar, Hoyt Thorpe lebt als führendes Mitglied der traditionsreichen Saint Ray-Bruderschaft eine verquaste Vorstellung von elitären Führungsschichten; Co-Stipendiat Adam Geller ist von seinem in diesem Umfeld in der Tat auffallenden Intellekt so überzeugt, dass er darüber die Perspektive für das wirkliche Leben verzerrt.

Alles in allem trifft Charlotte also auf eine Umgebung, die in ihr nur eine Mischung aus Distanzierung, Mitleid und Verachtung hervorrufen sollte - sollte, denn nach nicht einmal einem Semester beginnt ihre anfängliche Ablehnung zu bröckeln und dem Streben zu weichen, in dieser von Oberflächlichkeiten geprägten Welt eine Ansehen und Bewunderung zu erreichen.

Wie diese Entwicklung sich abspielt, schildert Wolfe mit gewohnt brillanter Eindringlichkeit jeweils aus den Perspektiven seiner Hauptfiguren, was gemeinsam mit seinem überzeugenden Stil für ungewöhnliche Bildhaftigkeit sorgt. Überraschungen und neue Aspekte erwartet man allerdings selbst als Europäer vergebens, obwohl mitnichten nur Klischees bedient werden. Wie in seinen vorherigen Romanen beginnt Wolfe, vielleicht im ehrbaren Bemühen, auch begriffsstutzigere Zeitgenossen auf die Zielgerade mitzunehmen, zudem im letzten Drittel des Buchs seine Botschaft etwas zu intensiv - man fühlt sich versucht, das Buch sinken zu lassen und zu stöhnen: "Ja doch, Herr je, ich hab's ja begriffen!"

Das Fazit fällt daher zwiespältig aus: "I Am Charlotte Simmons" bietet unbestreitbar sehr gut geschriebene, intensive Lektüre einer Story mit überzeugenden Charakteren. Der kritische Anspruch allerdings bleibt auf halber Strecke zu Gunsten einer an sich reichlich abgegriffenen Botschaft stecken.

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