(Martin McDonagh, UK/Belgien 2008, 107 Minuten) In den ersten rund 20 Minuten wird einem Bange: Wenn das in dem Tempo weiter geht, so die unwillkürliche Befürchtung, ist man einem belgischen Tourismuskomplott aufgesessen. Sachte Kanalfahrten durchs winterliche Brügge, Klaviermusik, meinetwegen, aber bitte nicht am Freitag Abend für 7 Euro 50.

Und dann, man merkt gar nicht so recht wann genau, nimmt die Geschichte Fahrt auf - kulturbeflissene Killer, pflichtbewusste Belgier, cholerische Iren, fette Amerikaner, sowie, dixit Ken, ein rassistischer Zwerg. Gefühl, Gewalt, Gelächter am laufenden Band, und wann sind eigentlich alle Skins zu solchen weinerlichen Schwuchteln geworden?
Ken (überzeugend: Brendan Gleeson) und Ray (nicht nur cool, sondern richtig gut: Colin Farell) sind Iren, die in der Londoner Halbwelt für ihren Chef Harry (fies, aber mit Prinzipien: Ralph Fiennes)Leute umlegen. Ken zumindest, denn Ray, der auf Kens Empfehlung soeben seinen ersten Auftrag bekam, hat diesen gründlich vermasselt. Also schickt Harry sie erstmal zum Untertauchen, und zwar ins weihnachtliche Brügge. Ken freut sich über die Gelegenheit, in Ruhe Kunst und Architektur zu genießen, Ray zählt die Minuten, dazwischen philosophieren sie über ihre unterschiedlichen Weltanschauungen, Städte, Kunst, das Blut Christi... Und darüber, ob beziehungsweise wie Ray mit der Erinnerung an das unschuldige Opfer leben kann, das er beim missglückten Auftrag getötet hat.
Dann, während Ken im Hotel den Auftrag von Harry bekommt, Ray und damit die Schwierigkeiten durch den Tod besagten Opfers, aus der Welt zu schaffen, lernt letzterer Chloë (sympathisch: Clémence Poésy) kennen, die den Leuten an einem Filmset Amphetamine, Koks und so weiter verkauft. Beim ersten Date schlägt er im Restaurant ein vermeintlich amerikanisches Ehepaar K.O. ("das ist für John Lennon!"), muss dann feststellen, dass Chloë gelegentlich auch Touristen abschleppt, um sie per Eifersuchtsszene mit ihrem Skin-Ex-Freund auszunehmen, und lässt sich das von diesem Dilettanten trotz dessen Kanone schon aus Prinzip nicht bieten.
Wird Ray mit dem Gedanken an das unschuldige Opfer fertig oder gibt er seinem irisch-katholischen Bußedrang nach? Wird Ken, desillusionierter Profi aber auch väterlicher Freund, Harrys Befehl annehmen? Haben Ray und Chloë eine Chance, irgendwann mal da weiterzumachen, wo sie der Skin mit der Knarre in Hand unterbrochen hat? All das und was Martin McDonagh sonst noch so an unerwarteten Wendungen eingefallen ist, darf man natürlich nicht verraten - sonst ist die unerwartete Wendung ja keine solche mehr, gell?
Verraten kann man aber guten Gewissens soviel: In einer Welt voll lärmender US-Produktionen, bei denen man allmählich das ungute Gefühl bekommt, es gebe, wie im alten Klischee behauptet, im Grunde tatsächlich nur ein oder zwei Stories, die in immer neuen Variationen immer wieder verfilmt werden, in so einer Welt gibt einem ein Streifen wie "In Bruges" (Originaltitel) die Hoffnung wieder, dass eben doch noch nicht alle Geschichten erzählt sind. Highlight.



