:: Blickwendung.de   :: Hagen Reimer 
  :: Visier    :: Leinwand    :: Plattenteller    :: Regal  
Druckansicht Link versenden
The Tesseract

(Alex Garland, (Penguin 1999) Kennen Sie Alex Garland? Nein? Schon mal von The Beach gehört, einem unsäglichen Film à la Blaue Lagune meets Woodstock mit Leonardo DiCaprio? Na also, dann kennen Sie auch Alex Garland. Von ihm stammt die geschriebene Vorlage, im Gegensatz zum Film ein absolut faszinierendes, schweißtreibend-schwüles Abenteuer mit einem gewissen Anspruch.

The Tesseract, spielt, der deutsche Titel Manila macht's dem Leser gleich unmissverständlich klar, wieder auf den Philippinen. Wer um alles in der Welt weiß denn auch, was ein Tesseract sein soll? Eigentlich ganz einfach: eine geometrische Figur, die aus einem Kreuz besteht, aus dessem Schnittpunkt zwei weitere horizontale Balken nach vorn und hinten ragen - wer Tetris kennt, kann sich's recht gut vorstellen.

Für Garland symbolisiert diese Figur das Zusammentreffen mehrerer Handlungs- oder, wenn man so will, Schicksalsstränge, die auf ein gemeinsames Zentrum hinsteuern. Das ist per se symbolträchtig, außerdem hintersinnig, und man tut auch noch etwas für seinen Wortschatz. Nach dem von der Kritik hochgelobten und durch den miesen Film auch beim Publikum verbreiteten Debut-Bestseller "The Beach" stößt Manila natürlich auf große Erwartungen; Garland musste zeigen, das er nicht zu den Eintagsfliegen gehört, die sich jahrelang mit mäßigen Versuchen durchschlagen, an einen einzigen Erfolg anzuknüpfen.

Glaubt man der Kritik, ist ihm das gelungen: Sean sitzt in einem heruntergekommenen Hotel und wartet auf Don Pepe, einen hiesigen Mafiaboss. Das Warten zieht sich hin, die Umgebung ist alles andere als anheimelnd... Sean wird stetig paranoider, so dass er, als Don Pepe endlich mitsamt Leibwache eintrifft, überreagiert und statt eines freundlichen Grußes auf die Zimmertür schießt. So weit wirkt die Story noch Beach-ähnlich, dann jedoch tut Garland eine gänzlich andere Geschichte auf. Sean beginnt eine rasante Flucht vor den Gorillas Don Pepes; in einem anderen Teil der Stadt kümmert sich eine Ärztin um ihre Kinder und driftet dabei in unerwartete Rückblenden zu ihrem früheren Leben auf dem Land ab; ihr verspäteter Ehemann trifft seinerseits auf zwei Straßenkinder, die wiederum die Geschichten ihrer Träume an einen verkauzten Millionär verkaufen. Diese drei Gruppen steuern als Balken des Tesseracts aufeinander zu; was dann schließlich im Zentrum geschieht, ist eher deprimierend, wirkt jedoch realistisch und ist mit Blick auf die einzelnen Handlungsstränge durchaus folgerichtig.

Unklar wirkt allerdings, was Garland eigentlich ausdrücken will. Im Gegensatz zu The Beach trägt sich die Story nicht selbst, man erwartet irgend etwas im Stil einer Botschaft, eines tieferen Sinns, einer überraschenden Erkenntnis - vergeblich, denn dass das Leben nicht immer und überall so lustig ist wie eine Vorabendserie, dass der Zufall öfter alle menschlichen Bemühungen ad absurdum führt als nicht, das alles wussten wir auch zuvor schon.

Was bleibt, ist eine originelle Geschichte, fern jeden Klischees, geschildert in beeindruckender Sprache, die ohne geschwollen wirkende Verrenkungen oder öde Effekthascherei einprägsame Bilder schafft. Es stimmt zuversichtlich, dass Garland nicht der Versuchung erliegt, einen zweiten Aufguss des Weltbestsellers zu verkaufen, aber es ist auch schade, dass The Tesseract damit auch nicht die Intensität des Vorgängers erreicht. Dennoch: empfehlenswert.

Facebookgoogle.comVZMister WongTwitteraddthis.comdel.icio.usstumbleupon.com
zur Startseite