(Haruki Murakami, 2003) Trends können wohl auch eine relativ gesetzte Gattung wie Literatur überrennen: Japanische Autoren stoßen derzeit auf große Gunst bei Kritik und Publikum. Kazuo Ishiguro räumt als "bedeutendster Roman der Saison" (FAZ) ab, Haruki Murakami erhält selbst von Papst Ranicki höchste Weihen - man denkt an des Kaisers neue Kleider.

Schön, wenn man nichts mit dieser Szene zu tun hat und völlig unbefangen seine Meinung sagen kann: Eigentlich ist die Begeisterung übertrieben. Wenn der Stil nicht etwas ungewohnt wäre, wenn statt Naoko und Toru in Kobe und Kyoto, sagen wir, Sabine und Andreas in Garmisch und Dortmund die selbe Geschichte erlebten, würde kein Hahn danach krähen. Die Geschichte selbst ist schnell erzählt.
Also: Toru liebt seit seiner Studentenzeit Naoko, die allerdings hinlänglich mit ihren psychischen Problemen und einer ansehnlichen Sammlung unverarbeiteter Traumata beschäftigt ist. Toru bleibt trotzdem bewundernswert konsequent dran, liebt allerdings später dann auch noch die ganz andere, vor Energie und Lebenslust berstende Midori. Toru muss sich also auf irgendeine Weise entscheiden, unabhängig davon auf jeden Fall Naoko loyal zur Seite stehen und obendrein als gesellschaftlicher Außenseite auch noch seinen eigenen Weg finden. Wenn man, wie praktisch romanübergreifend alle männlichen Hauptfiguren Murakamis, ohnehin tendenziell orientierungslos und auf der ständigen Suche nach einem Sinn abseits der gängigen Vorstellungen ist, kann man schon ganz schön ins Trudeln kommen. Zugegeben: das ist etwas schnoddrig übertrieben, aber mit etwas schlechtem Willen lässt sich der Plot so zusammenfassen; der deutsche Untertitel "Nur eine Liebesgeschichte" erweist sich da als in vermutlich unbeabsichtigter Art äußerst passend.
Um Missverständnisse zu vermeiden: Ungeachtet dieser Einschränkungen lassen sich "Naokos Lächeln" und Murakamis andere Bücher gut lesen. Die Ideen sind, wenn nicht immer besonders originell, durchaus akzeptabel, der Stil immer sauber und, vielleicht ein Grund für den Erfolg, auf Grund seiner stets etwas verträumt wirkenden, distanzierten Erzählweise ungewohnt und nicht uninteressant; die unübersehbar durch den Autor selbst geprägten Ich-Erzähler sind recht eingängig und wirken durch beiläufige Kommentare zu Musik, Literatur und Kino recht lebensecht. Schade nur, dass er konsequent im ersten Drittel seiner Bücher mit mystischen Elementen Erwartungen weckt, deren man im zweiten Drittel etwas überdrüssig wird und die er schließlich im letzten schlicht und ergreifend nicht erfüllen kann.
Was fehlt, ist das gewisse Etwas, das einen beim Lesen überrascht, gefangen nimmt, oder womöglich sogar überwältigt - man hat keine Schwierigkeiten, das Buch abends zu einer vernünftigen Zeit beiseite zu legen und zu schlafen, auch wenn man es dann am nächsten Tag wieder in die Hand nimmt. Wirklich rätselhaft bleibt also vor allem, was die deutsche Kritik treibt, in jubelnde Begeisterungsstürme auszubrechen: Der "Spiegel" war sich nicht zu schade für den Hinweis, man könne sich in Murakamis Büchern "wie in wunderbaren Träumen verlieren"; der "Tagesspiegel" urteilte gar, Murakami gelinge es, "die Qualitäten von Stephen King, Franz Kafka und Thomas Pynon unter einen Hut zu bringen", was obendrein den Verdacht nahelegt, er habe sich vor allem auf die Romane "Hardboiled Wonderland" und "Tanz mit dem Schafsmann" konzentriert.



