(Sylvester Stallone, USA 2008, 91 Minuten) Filme von oder mit Sylvester Stallone werden von ernstzunehmenden Kritikern ja eher gern ignoriert. Dümmlich sind die (nicht die Kritiker, die Filme), klischeeüberfrachtet, brutal bis gewaltverherrlichend, und meist auch noch - Gott bewahre! - politisch völlig unkorrekt. Pfui Deibel.

Wie schön, wenn man kein ernstzunehmender Kritiker ist: Stallone hat, ob nun wirklich aus reiner Geldnot oder nicht ist doch dem Zuschauer völlig schnurz, mit stolzen 62 Lenzen und 20 Jahre nach Teil III noch einmal einen Rambo nachgeschoben. Und der ist, wenn man denn nicht gar zu zart besaitet ist und dem Genre gegenüber grundsätzlich halbwegs aufgeschlossen, erstaunlich gut gelungen.
John Rambo hat sich nach dem letzten Abenteuer, in dessen Verlauf er seinen väterlichen Mentor Trautman unter Extermination sowjetischer Truppen in Divisionsstärke in Afghanistan* aus der Hand ebendieser befreien musste, in Thailand niedergelassen. Dass es diesmal kein Kloster ist, sondern ein mieses Loch, in dem er sich mit Schlangenfangen und Bootstouren seine Handvoll Reis verdient, legt die Grundstimmung: Nix mit glorreich, alles Blödsinn von wegen Heldentum, "Sinn" ist eine Propagandalüge des Vatikans und das amerikanische Vaterland ... pfffft. Die ganze feuchtwarme Romantik aus Teil II und III (im oft unterschätzten Teil I gab's davon auch keine Spur) ist über den Jordan, zusammen mit der Jugend und dem Glauben an was auch immer.
Rambo ist so desillusioniert, wie man es nur sein kann, und kommt soweit eigentlich auch ganz gut klar damit. Bis eine Gruppe aufdringlicher Gutmenschen (überzeugend nervig dargestellt) mit der selbsterteilten Mission auftaucht, im nahen Burma die Welt in Gestalt einer ethnischen Minderheit vor den Greueltaten des Militärs zu retten. Hinbringen soll sie Rambo, trotz seines so wortkargen wie eindringlichen Abratens, das zugleich seine ganze Philosophie zusammenfasst :
Gutmensch (weiblich): We need to go and help these people, we're here to make a difference, we believe all lives are special.
Rambo: Some lives, some not.
Gutmensch: Really? If everyone thought like you, nothing would ever change.
Rambo: Nothing does change.
Gutmensch: Of course it does! Nothing stays the same.
Rambo: Live your life cause you've got a good one.
Gutmensch: It's what I'm trying to do!
Rambo: No, what you're trying to do is change what is.
Gutmensch: And what is?
Rambo: Go home.
Tja. Natürlich wollen sie trotzdem da hin, und natürlich bringt Rambo sie schließlich, sonst wäre ja der Film zu Ende. Auf dem Weg kommt es zu einer Szene, in der Stallone mimisch brilliert: Flusspiraten sind scharf auf den weiblichen Gutmensch und wollen sich partout nicht abbringen lassen. Als Rambo das erkennt, zieht ein unendlich müder Ausdruck über seine schiefe Visage - bevor, versteht sich, er alle vier so schnell umlegt, dass der Würgreiz bei den zuschauenden Gutmenschen erst Sekunden später einsetzt.
Wenig später kommt erwartungsgemäß erneut Besuch aus der Heimat und bringt schlechte Nachrichten. Die Gutmenschen sind verschwunden, vermutlich gefangen und gefoltert. Rambo möchte doch bitte eine Handvoll dazu geheuerter Söldner zur Absetzstelle fahren, den Rest machen die dann schon. Die Söldner sind, im Vergleich zu ihm, selbstredend bemitleidenswerte Amateure, so dass er sich widerwillig in den Sog der Befreiungsaktion ziehen lässt. Man kennt den Rest: Es knallt und explodiert nach Leibeskräften, paar gehen drauf, paar kommen durch, das übliche eben.
Bemerkenswert ist aber auch hier die absolute Abwesenheit jeglicher Mystifizierung und heuchlerischer Schönfärberei. Die Gewaltexzesse (der Film ist ab 18) sind im Wochenschaustil gehalten, grobkörnig, überbelichtet, zuweilen per digitaler Nachbearbeitung geradezu Comic-ähnlich. Rambo sieht man ohne Unterlass an, dass er einfach seine Arbeit macht - weil er es kann und jemand es tun muss, nicht weil er scharf darauf wäre. Vielleicht ist Stallone beim Filmen ähnlich gegangen, vielleicht hat er auch einfach nur mittlerweile eine Wampe, in jedem Fall setzt er sich selbst ohne jeden Ego-Flirt in Szene - nicht einmal einen nackten Oberkörper gibt's zu sehen.
*Ja, damals gab's die noch, und in Afghanistan führten sie einen unschönen Krieg gegen widerborstige Einheimische, die wiederum von den USA unterstützt wurden. Wie sich die Zeiten ändern, gell?



