(Michael Haneke, F/A/D/I 2005, 117 Minuten) Reichlich Lorbeeren gab's, und einen Preis in Cannes als, im Gegensatz zu den meisten Oscars, eigentlich meist recht zuverlässiges Qualitätssiegel. Vielleicht liegt es an der dadurch hochgeschraubten Erwartungshaltung, dass "Caché" schließlich als Enttäuschung daherkommt, wenn man das Kino verlässt.

Als großes Plus retten, wie könnte es anders sein, die Hauptdarsteller Auteuil und Binoche den Film - trotz der Regie Hanekes, die wie das ebenfalls von ihm stammende Drehbuch deutlich hinter der schauspielerischen Leistung zurückbleibt. Das ist mehr als schade: hielte sie das Niveau, wäre "Caché" vermutlich ein Meisterwerk.
Georges (Auteuil) und Anne (Binoche) samt Sohn Pierrot (unauffällig: Lester Makedonsky) führen ein angenehm großbürgerliches Leben in Paris, er als Moderator einer Literatur-Sendung im Fernsehen, sie als Angestellte in einem Verlag. Eines Tages beginnt ein Unbekannter, ihnen Videos zu schicken, die ihr Haus zeigen, begleitet von Postkarten mit kindlich-grausamen Kritzeleien: Offenbar werden sie von jemandem beobachtet, der einiges über sie und ihre Vergangenheit, vor allem Georges', weiß.
Ein reiner Unterhaltungsfilm würde hier abbiegen und peu à peu ein paar ordentlich schockierende Geheimnisse ans Tageslicht fördern, begleitet von einer eskalierenden Konfrontation mit dem unheimlichen Beobachter. Dazu hat "Caché" allerdings zu viel Anspruch, leider, möchte man sagen, denn so versucht sich Haneke mit mäßigem Erfolg an einer Bearbeitung des altbekannten Motivs "Noone is innocent." Je heiler die Fassade, desto tiefer die Risse und Abgründe dahinter, das weiß jedes Kind, das ist Leitmotiv ungezählter Bücher, Theaterstücke, Filme und Lieder und folglich als Thema fast schon banal. So ist es umso schwieriger, beim Versuch einer weiteren Darstellung mit ungewohnten Aspekten oder Perspektiven, geschweige denn Überraschungen, aufzuwarten. "Caché" scheitert daran, trotz sehr redlicher Bemühungen: Anfangs noch gemeinsam gegen die unbekannte Bedrohung ihrer Idylle stehend, zeigen Georges und Anne schnell, wie wenig sie eigentlich verbindet und wie leicht es ist, zwischen ihnen Misstrauen und wachsende Spannungen zu erzeugen. Sie reagiere genau so, wie der Beobachter es plane, wirft Georges seiner Frau einmal vor, und recht hat er - nur gilt das selbe für ihn. Beide verstecken (=cacher) sich hinter einer Oberfläche, vor einander, sich selbst, Pierrot, ihren Freunden und Kollegen.
Getragen von den beeindruckend guten Schauspielern und einer sehr passenden, ruhig beobachtenden Kameraarbeit lässt Haneke den Zuschauer schließlich erkennen, wo der dunkle Punkt liegt, der das plötzliche Bröckeln der Fassade verursacht; gleichzeitig demonstriert er durch bewusst offen gelassene Fragen, dass es sich dabei um einen Auslöser handelt, nicht aber das eigentliche Problem. Zumindest für Nicht-Franzosen ohne profunde Kenntnis des traumatischen Verhältnisses zur ehemaligen Kolonie Algerien allerdings verstärkt sich der Effekt zusätzlich und eindeutig zu weit: "Warum zum Teufel", fragt man sich, "machen die denn alle so ein Aufhebens um einen unschönen, aber auch wieder nicht sooo dramatischen Zwischenfall, den ein damals sechsjähriger Junge verursachte?"
Und diese Frage lässt sich denn nach knapp zwei Stunden auch auf den Film erweitern: Warum so viel Aufhebens um einen Streifen, der zwar gut gemacht ist und mit erstklassigen Darstellern glänzt, aber letztlich den selbst gesetzten Anspruch nicht erfüllen kann?



