(Philippe Djian, 2002, deutsche Ausgabe "Sirenen", Diogenes, August 2003) Philippe Djian geht es wie vielen französischen Autoren, Regisseuren und Musikern: Im eigenen Land Stars, in Italien beliebt, in England und den USA "Kult", aber in Deutschland, wo Dieter Bohlen die Bestsellerlisten stürmt, nur einer kleinen Minderheit und einschlägigen Kritikern bekannt. Zu Unrecht.

Kennen Sie den Film "Betty Blue" von Jean-Jaques Beneix? Richtig, den, der mit einer zehnminütigen Bettszene zwischen Béatrice Dalle und Jean-Hugues Anglade beginnt und dann in einem Rausch von Licht, Farben und dramatischer Entwicklung den Begriff "Amour Fou" völlig neu definiert? Diese Romanvorlage war der Durchbruch Djians. In der Folge sprang er von den Taschenbuchregalen schmuddeliger Bahnhofskioske erst zu den Editions Barrault, dann zu Gallimard, dem Rolls Royce francophoner Verlage. In Deutschland brachte ihn der Filmerfolg aus dem literarischen Nichts direkt zu Diogenes. Das war 1984. Seitdem hat Djian in loser Folge ein gutes halbes Dutzend Bücher nachgeschoben, zuletzt die Trilogie Kriminelle, Mörder und Heißer Herbst und den wegen von manchen gern hineininterpretierter Pornografie umstrittenen Schwarze Tage, weiße Nächte. Der Stil hat sich stetig gewandelt, der Aufstieg vom Niemand in den Fokus der Literaturszene, die damit verbundenen Erwartungen und sicher auch das Alter ersetzten manches von der urspünglichen kaum gezügelten, kraftstrotzenden Energie durch subtilere, zurückhaltendere Schilderungen. Das Ende dieser Minireihe scheint Djian ein Herzensanliegen gewesen zu sein, nach dessen Erledigung er sich deutlich enspannter wieder etwas seiner früheren Erzählweise zuwendet.
Ca, c'est un baiser (Das ist ein Kuss! - weiß der Himmel, woher die deutsche Übersetzung die Sirenen nimmt) erinnert in mancher Hinsicht an die Frühwerke: Die Geschichte des - erzählenden - Polizisten Nathan, der neben seiner Arbeit zum Schriftsteller zu werden versucht und ein Privat- und Liebesleben führt, das allein schon ein harter Vollzeitjob wäre. Da ist seine Ex-Frau Chris, die er immer noch liebt; seine - ebenfalls erzählende - Kollegin Marie-Jo, mit der er schläft, und die weiß, dass diese Liaison nicht andauern kann; deren Ex-Mann, der spät im Leben seine Homosexualität entdeckt hat; das heroinsüchtige Model Paula, ohne erkennbaren Grund darauf versessen, sich Nathan an den Hals zu werfen; das ganze eingebettet in soziale Unruhen, den brutalen Mord an einer darin verwickelten Prostituierten, zu deren Kunden Nathan zählte und deren Vater Fäden im öffentlichen Leben zieht, und die stickige Hitze eines Sommers in der Stadt. Klingt unglaubwürdig, konstruiert, überladen? Mag sein, aber es liest sich nicht so. Nathan und Marie-Jo erzählen abwechselnd, wie sich die Ereignisse erst langsam entwickeln, dann allmählich an Tempo gewinnen, um schließlich zu einem gänzlich unvorhersehbaren Finale zu eskalieren; abspannartig, fast beiläufig, folgt darauf noch die Antwort auf die Frage, was aus danach den Beteiligten wird. Mehr darf man eigentlich kaum sagen, ohne die immer schnellere Folge überraschender (aber durchaus nachvollziehbarer) Wendungen vorwegzunehmen.
Ebenso wichtig wie die Story ist aber die Botschaft, die Djian über seine Charaktere, den Rahmen und seine Erzählweise transportiert: Niemand ist vollkommen, jeder tut, was er in der Situation gerade für richtig hält, oder was er eben wider besseres Wissen tun muss. Oder will. Unter dem Strich ist das alles ohnehin gleichgültig, denn Schicksal, Zufall oder auch nur Einflüsse, die der einzelne überhaupt nicht wahrnehmen kann, führen das allgmeine Strampeln und Zappeln am Ende immer ad absurdum. Diese Erkenntnis unverkrampft und unterhaltsam zu vertreten, ist Djians Stil; zu zeigen, dass all das aber im Grund gar nicht so schlimm ist, ist seine herausragende Stärke.



