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Streetcore

(Joe Strummer & the Mescaleros, Hellcat Records, 2003) Joe Strummer war mal Kopf der legendären englischen The Clash, die zwar Ende der Siebziger mit dem britischen Punk aufkam, aber sich davon vom Start weg absetzte: mehr Können, mehr Ideen, mehr Mut, Experimentierfreude und Politik anstatt "no future"-Gehabe...

Solche Energie konnte natürlich nicht lange vorhalten, "die beste Reggae-Band der Welt" machte mit "Combat Rock" 1982 nach fünf Jahren ihre fünfte und letzte Platte. 1985 schließlich löste sich The Clash endgültig auf, die Mitglieder verschwanden in der Versenkung und eher dubiosen Projekten, wie etwa Gitarrist Mick Jones "Professionals." Auch Strummer trieb, bis er '99 mit den Mescaleros wieder auftauchte, alles mögliche, spielte gelegentlich ein bisschen solo, ersetzte eine Weile den Frontman der "Pogues", hatte eine Nebenrolle in "Mistery Train" (Jim Jarmusch, '89) - was eben so anlag.

Mit den "Mescaleros" hat er offenbar einen Weg gefunden, seine Erfahrungen und sein nicht mehr ideal-Rock'n'Roll-typisches Alter unter einen musikalischen Hut zu bringen. Das Ergebnis konnte sich vom Debüt-Album "Rock Art & the X-Ray Style" (1999) an hören lassen, ehemalige Fans überwanden anfängliches Misstrauen vor einem müden Clash-Aufguss und waren's genauso zufrieden wie die Kritiker. Der Follow Up "Global a Go-Go" (2000) bestätigte die Erwartungen, alles in Ordnung also, nur: Am 22.12.2002 verstarb Strummer 50jährig überraschend an Herzversagen.

Die allgemeine Betroffenheit schlug rasant in neues Misstrauen um, als die Mescaleros Martin Slattery und Scott Shields 2003 mit "Streetcore" etwas vorstellten, das angesichts der üblichen leichenfleddrigen Restausverkäufe der Platten- und Merchandising-Industrie arg nach einem Posthum-Album roch, mit dem die nun arbeitslosen Mescaleros noch ein paar Pfund abräumen wollten. Um es vorweg zu nehmen: "Streetcore" ist viel mehr. Es handelt sich nicht um einen mühsam zusammengezwungenen Mix aus mangels Qualität bisher unveröffentlich gebliebenem Material, sondern um neue Stücke, die unter Strummers Regie eben für eine neue Platte eingespielt wurden und bei seinem Tod praktisch fertig im Studio lagen. Und die Mescaleros, das hätte man sich eigentlich denken können, haben ohnehin keine Grabräuberei nötig - wer gut genug ist, um mit Marianne Faithful oder den Eurithmics zu spielen, dürfte so oder so über die Runden kommen.

Die Verwandtschaft mit The Clash ist unverkennbar, und warum auch nicht, das selbe gilt für viele andere Bands, die nicht Joe Strummer am Mikro haben. Die Höhepunkte: "Get Down Moses," irgendwie ein Reggae, irgendwie aber auch mehr; "Long Shadow," eine gelungene Hommage an Johnny Cash, mit dem Strummer auch eine gemeinsame Version aufgenommen hat; "Arms Aloft," beim ersten Hören schwer einzuordnen, beim zweiten wippt der Fuß, beim dritten summt man den Refrain mit. Und so geht es munter für insgesamt 10 Stücke weiter - unprätentiöser Rock, Reggae-Einflüsse, Folk wie von Dylan in Bestform, das ganze souverän und ohne viel Aufhebens vorgetragen. Eine wohltuende Zugabe sind die intelligenten Texte, nachdenklich, ohne anzustrengen, hochzustapeln oder angestrengt universelle Betroffenheit zu demonstrieren. Allein das Cover von Bob Marleys "Redemption Song" (das muss man sich erst mal trauen...) sagt eine Menge darüber aus, wie Strummer aus den musikalischen und weltanschaulichen Trümmern der Clash in den zwanzig vergangenen Jahren herausgekommen ist. Schade, dass wir davon nicht mehr mitbekommen werden.

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