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New Dubby Conquerors

(Seeed, WEA/Warner, 2001 ) Reggae mögen alle gern, irgendwie. Bis auf paar hartgesottene Rasta-Men, die mit Dreadlocks, schlabbrigen Klamotten und "legalize it"-Buttons in einer Rauchwolke daherswingen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit "Jah, Mon" sagen, bezeichnet eigentlich niemand Reggae als seine Lieblingsmusik, aber...

...richtig dagegen ist niemand, dazu ist er einfach zu entspannt, zu partytauglich und obendrein so zeitlos, dass praktisch jeder irgendein Reggaestück auch wirklich gern mag; nicht von ungefähr landet das Zeug mit schöner Regelmäßigkeit in der einen oder anderen Pop-Form in den Hitparaden, und nicht umsonst verkauft Bob Marley munter weiter Platten, als wäre er nicht schon vor gut zwanzig Jahren in den ewigen Grassommer entschwebt.

In Berlin hat sich vor ein paar Jahren eine bunte Horde aus bunten Gestalten zu einer bunten Formation zusammengefunden, um einer eigentlich recht bescheuerten Idee Leben einzuhauchen: Man wollte für Feten, Veranstaltungen, Happenings und weiß der Geier was alles eine Art mobiles Einsatzkommando schaffen, das den Reggae und all seine stilistischen Ableger auf die Straße bringen könnte, und zwar einschließlich der nötigen Infrastruktur, die man, im Gegensatz zum Vorbild der New Orleans Marching Bands, nicht einfach unter dem Arm mitnehmen konnte.

Der Rest ist, wenn nichts dazwischen kommt, in ein paar Jahren Geschichte. Seeed (ja, mit drei E) war geboren, ein rundes Dutzend Talente* zwischen (damals) 18 und 43, weiß und schwarz, deutsch und nicht, traditionell und elektronisch-soundtüftlerisch-innovativ: "Singende Caballeros auf'm bombigen Beat". Das scratcht und dubbt, das rappt und samplet, und dann geht plötzlich die jamaikanische Sonne auf, der wummernde Synthibass aus den Boxen weicht einer Musik, bei der sich Marley wohlwollend auf seiner Wolke zurücklehnt und kräftig an der Tüte zieht. Noch bevor man mit ein paar EPs auf dem Indie-Label Downbeat so richtig zum Zuge kam, hatte schon Major Warner Music die Finger drin, und irgendein Talentscout ausgesorgt. Und zwar verdient, zumal sich Seeed offenbar trotzdem austoben konnte, ohne dass ihnen jemand den Drive zugunsten der Verkaussicherheit umgemodelt hat. Für Label-Freaks: Mittlerweile gehört Downbeat zu Warner, und Seeed ist eines der aktuellen Zugpferde.

"Die erste Platte machen ist wie' extra dickes Ei legen", danke, so genau wollten wir das gar nicht wissen, aber das Ergebnis war ein Geniestreich, von den "Dancehall Caballeros" über "Papa Noah" und "Walk Upright" (jetzt wissen wir's: so wollte Police in den frühen Achtzigern immer klingen!) bis zu "Dickes B" (und so die Fantastischen Vier in den frühen Neunzigern) und "We Seeed". Genug konservativer Reggae von der Sorte, die sich seit Jahrzehnten entschieden gegen jede Hektik wehrt, aber genug völlig unvorbelastete Einflüsse aus allem, was sich die letzten Jahre so außerhalb des Mainstreams entwickelt hat. Und dazu auch noch intelligente Texte - intelligent, aber ohne das ermüdende Grundstudium-Intellektuellen-Gehabe, mit dem sich Sterne, Blumfeld und Co. das Wohlwollen der Feuilletonisten erspielt haben. So soll es sein: Das Gehirn nicht abgeschaltet beim Texten, aber auch nicht bis auf den letzten Tropfen ausgewrungen, um dann die Welt mit Zeilen zu belasten, die sowieso kein Mensch verstehen kann. Oder will.

Dass das ganze kein Zufall ist und vermutlich auch keine Eintagsfliege, beweist außer zahlreichen beeindruckenden Live-Erfolgen und anerkennenden Kritiken auch von Leuten, die etwas davon verstehen, der Nachfolger "Music Monks" (Juni 2003, ebenfalls Warner). Ja, gibt's denn da gar nichts zu meckern?!? Hm, die Cover vielleicht? Denen kann man zumindest Irreführung vorwerfen: Auf den New Dubby Conquerors prangt ein Foto wie direkt aus dem Buena Vista Social Club, die Music Monks ziert ein Bild, das vermutlich aus dem RZA-Fundus geborgt wurde. Wie auch immer - kein Grund, die Platten nicht zu kaufen!

*Enuff, Ear, Eased, Illvibe, Jerome, Reibold, Rudy, Tobsen, Alfi, Based, Delgado und Olsen, und nein, die heißen nicht wirklich so. Näheres dazu auf der marketingtechnisch perfekten Öffnet externen Link in neuem FensterWebsite.

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