(Jane Campion, AUS/USA/GB 2003, 119 Minuten) Der neue Streifen der Australierin Jane Campion, bislang nicht sehr bekannt für eine Handvoll engagierter, nüchterner Filme, bei denen man am Schluss oft zwiespältig im Kinosessel saß. Irgend was hatte sie offenbar immer mitzuteilen, das hatte man deutlich gespürt.

Nur was genau, das kam so diskret daher, dass es schwer zu greifen war. "In The Cut" macht allein schon neugierig, weil Meg "Filmorgasmus in 'Harry und Sally' " Ryan es noch mal im ernsthafteren Fach wissen will. Mit beachtlichem Erfolg, nur eben - was genau will uns Jane Campion eigentlich nun wieder sagen?!? Aber eins nach dem anderen - das Rätseln geht beim Titel los. "Cut" kann sich ebenso gut auf die reichlich vorkommenden Schnittwunden beziehen, wie auf, in der ziemlich geschmacklosen Slang-Bedeutung, auf eine Vagina. Außer Campion weiß das wohl niemand so recht, nicht von ungefähr hat man es beim deutschen Verleih einfach beim Original gelassen.
Da ist die emanzipierte, gebildete, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität stehende, relativ pragmatisch-abgebrühte, nicht mehr so gaaanz junge College-Lehrerin und Autorin Frannie (Ryan). Zwar ist sie die Inkarnation der selbstbewussten amerikanischen Frau, die auch - oder gerade - ohne Mann spitzenmäßig klar kommt, nur tut sie sich angesichts emotionaler Leere leider immer schwerer damit. Da ist der Ex-Lover, der das "Ex" noch nicht so ganz kapiert hat, ein nervender Neurotiker; Ersatz ist nicht in Sicht, zumal's ja auch gewisse Ansprüche zu erfüllen gibt, und die Uhr tickt. Da ist eine Halbschwester, die in der Halbwelt über einer Strip-Bar haust, aber wenigstens ordentlich Männergeschichten hat, und da ist ein Student, der allmählich vom linguistischen Studienobjekt zu einer sexuellen Option mutiert. Frannie, das merken wir schnell, geht es hinter der aufgeklärten Fassade nicht ganz so gut, wie sie es sich und ihrer Umwelt vormacht. Nicht zuletzt liegt das wohl an der sexuellen Leere, die sich zu der emotionalen gesellt. Als Frannie im Keller einer Kneipe die Toilette sucht, wird sie Zeugin einer Fellatio, die sich ebenda abspielt. Außer dem für eine Fellatio wesentlichen Organ sieht sie nur Kopf und Hand der beteiligten Frau sowie den tätowierten Unterarm des beteiligten Mannes. Das ganze beeindruckt sie so stark, dass sie nicht nur unangemessen lange zusieht, sondern in der Folge die Erinnerung daran kaum mehr aus dem Kopf bekommt.
Dann wird eine junge Frau wird ziemlich blutig ermordet im Garten von Frannies Wohnblock aufgefunden, der coole New Yorker Cop Maloy taucht auf und stellt die üblichen Fragen. Er errät Frannies Verfassung mit sicherem Gespür und macht sich an sie heran, aus einem One Night Stand entwickelt sich eine nicht ganz aussichtslose Affäre, obwohl der zynische Cop und sein unverhohlen sexistischer Partner in diametralem Gegensatz zu Frannies Political Correctness stehen. Und obwohl - oder vielleicht eher weil? - der Cop die selbe Tätowierung auf dem Unterarm hat wie der Typ im Keller. Dann stellt sich heraus, dass die Frau im Keller der Bar das Opfer war. Mist. Dann wird eine weitere Frau in der Nähe bestialisch ermordet. Whodunnit: Der Cop? Der Student? Ein unbekannter Psychopath? Und Who'll be next? Frannies Schwester. Zu diesem Zeitpunkt ist klar, dass Frannie bis über den Kopf in der Geschichte steckt und nur heraus kommt, wenn sie a) nicht das nächste Opfer wird, b) den richtigen Mörder aus den zahlreichen Kandidaten heraus findet und zur Strecke bringt. Ob beziehungsweise wie ihr das gelingt, wird nicht verraten.
Verraten wird hingegen, dass Meg Ryan als Frannie so überzeugt, dass man sich fragt, ob die Rolle ihr selbst nicht in mancher Hinsicht recht nahe kommt. Genau oder doch annähernd so gut sind die anderen Schauspieler und die Umsetzung. Kamera, Licht, Dekor, Tricks, alles erzeugt eine beklemmende und unterschwellig erotische Athmosphäre, zumal Campion keine Sekunde zögert, Dinge zu zeigen, die in der Regel in "seriösen" Filmen Tabu sind: massenweise Blut, das erwähnte für Fellatio unerlässliche Organ in der Totalen, und als Strafe für alle, die Meg Ryan Jahrzehnte lang auf ihre zentrale Szene in "Harry und Sally" reduziert haben, eine reichlich unverklemmte Selbstbefriedigungsszene ohne jeden Komödien-Touch. Da stört es nur am Rande, dass das Rätselspiel zwischendurch einen Hauch zu verwirrend wird.
So weit, so gut, knapp zwei Stunden füllt Campion spannend und mit einem Minimum an Klischees. Am Schluss bleiben nur drei störende Fragen: Erotische Obsession hin oder her, warum fährt eine Frau mit einem Typen in einen Wald, von dem sie nicht völlig ausschließen kann, dass er ein Sexualmörder ist? Was um alles in der Welt will Campion uns mit "In The Cut" sagen? Und: Will sie uns womöglich gar nichts sagen, sondern macht einfach unverdrossen weiter ungewöhnliche Filme?
Hmm...



