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The Libertines

(The Libertines, Rough Trade, 2004) Erfolgreiche Musik ist in der Regel per definitionem schlecht. Dafür gibt's ungezählte Beispiele und außerdem als ultimativen Beweis Gong 96,3.

Wenn also ein Album europaweit bejubelt wird, wenn es Superlative wie "aufregendste Newcomer seit sonstwas" hagelt, wenn der "Spiegel" eine ganze Seite mit wenig Fakten und viel Herablassung über Rock 'n' Roll-Eskapaden dieser Band füllt, ist äußerste Vorsicht geboten. Manchmal muss man dieses liebgewonne, den CD-Player zuverlässig vor allerlei akustischem Müll bewahrende Bewertungsschema allerdings aufgeben. Zum Beispiel in Sachen "The Libertines", deren gleichnamiges Album die Label-Ikone Rough Trade Ende August veröffentlichte.

1997, so der harte Kern eines undurchdringlichen Wirrwarrs von Gerüchten, Anekdoten und (schon jetzt) einem Touch Legende, entstand unter eben diesem Namen eine noch recht lose Formation aus dem Londoner East End, die mit schnell wachsendem Zulauf in allen möglichen und unmöglichen Kneipen auftrat. 2002 führte das zu einem Plattenvertrag und nach einigen Singles zum Debüt "Up The Bracket." Die Libertines waren nun noch vier Mann, nämlich Carl Barât (Gesang, Gitarre), Pete Doherty (Gitarre, Gesang), John Hassall (Bass) und Gary Powell (Drums).

"Up The Bracket" machte sie mit einem Schlag auch außerhalb Englands zum Geheimtipp, der, wie bei Geheimtipps so üblich, zwar keineswegs mehr geheim war, aber dafür die im "Strokes"-Fieber befindliche Musiklandschaft in einen neuen Hype taumeln ließ. Die Band erfüllt die Erwartungen nicht nur musikalisch, sondern auch das Drumrum stimmt, und zwar - im Gegensatz zur Masse vergleichbarer Opfer der Musikindustrie - ganz offensichtlich nicht nur als Offstage-Teil der Gesamtshow: blasse (bis auf den schwarzen US-Drummer Powell), dünne Jungs mit leicht fettigen Haaren wie aus "Quadrophenia" entsprungen, Schlägereien zwischen den beiden Köpfen Barât und Doherty, Gefängnis für letzteren, abgebrochene Auftritte, kurz, die ganze Palette - so komplett, wie es sich kein Manager für seine bösen Buben ausdenken würde.

"The Libertines" klingt entsprechend konsequent. 14 Songs unter der magischen vier-Minuten-Grenze, alle irgendwie eingängig, aber nie gefällig, sorgloser Garagen-Sound, der so echt kaum künstlich herstellbar ist, das Ganze mit jeder Menge Schwung und dermaßen "raw", dass es jedem Strokes-Fan die Tränen in die Augen treiben muss. Und zwar deswegen, weil er hier erfährt, wie sowas klingt, wenn kein blasierter Produzent eine Dosis Vermarktungs-Weichspüler dazu kippt.

Statt dessen: Eine satte Portion Clash, locker abgeschmeckt mit je einem Teil Boomtown Rats und Smiths; als zusätzliche Würze vorsichtshalber eine Prise Sonic Youth dazu, und - ganz vorsichtig - noch ein Hauch frühe Bad Seeds. Während der Aufnahme nach gusto hier mal ein bisschen Orgel, da ein paar Töne Mundharmonika, und wenn mittendrin jemandem nach Pfeifen ist, bitte, keine Hemmungen! Den Mix nicht zu lange ziehen lassen, sondern auf einen Schlag ohne viel technische Bemühungen verrühren und ab damit auf den Plattenteller. Die Clash-Grundlage ist übrigens kein Zufall, wie schon beim ersten Album zeichnet als Produzent Mick Jones verantwortlich - keine trendbestimmten Zügel von dieser Seite also, und der Sound lässt merken, dass das komplette Album in nur zwei Wochen (!) entstanden ist. Überhaupt fühlt man sich nicht nur technisch ein bisschen um zwanzig Jahre zurück versetzt.

Jammerschade, dass völlig unklar ist, wie es weiter geht. Seit der Amerika-Tournee 2003 pflegt Doherty eine innige Beziehung zu Crack und Heroin, mehrere Entzugsversuche schlugen bereits fehl, einer endete obendrein mit Ärger wegen Waffenbesitzes - Doherty hatte aus einem Kloster in Thailand ein Messer mitgebracht, das am Londoner Flughafen nicht gern gesehen wurde. Auf der ohnehin eher spärlichen Website der Band erfuhr man nur, dass er trotz aller Solidarität nicht mehr zur Besetzung gehört, so lange sein Drogenproblem jede professionelle Arbeit unmöglich macht. Für die Tournée springt ein bereits mehrfach erprobter Ersatzmann ein, aber was dann kommt, steht in den Sternen.

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