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Vom Chiemsee über ALG II in die Rentenfalle

Ein generell akzeptiertes Indiz für Demenz ist es, ein Problem trotz mehrerer Fehlschläge immer wieder mit der selben, unveränderten Lösungsstrategie anzugehen. Ein Beispiel.

Wenn Edmund Stoiber auf dem Chiemsee in der Bilge seines Boots zuviel Wasser konstatiert, greift er vielleicht zur Bohrmaschine und bohrt ein Loch in den Rumpf, damit das Wasser abfließen kann - unbestritten ein möglicher Ansatz. Ist anschließend mehr Wasser im Boot anstatt weniger, mag es noch durchgehen, ein zweites Loch zu bohren, damit auch mehr Wasser abfließen kann. Wenn danach allerdings noch mehr Wasser im Boot ist, nach mehr Bohrmaschinen zu rufen: Das ist ein Indiz für Demenz.

Das Problem, soviel hat mittlerweile jeder RTL-guckende Bild-Leser begriffen, ist der allgegenwärtige Mangel an der Fähigkeit, irgend etwas halbwegs zielführend zu reformieren. Das ist nicht schön und klingt vor der Kamera, wenn man's zugibt, wenig tatkräftig, also hat man sich in Berlin schon vor rund fünf Jahren zusammengesetzt und ein Konzept entwickelt:
In Phase 1 drischt jeder so ausgiebig offenkundig inhaltsleere Phrasen, bis die Leute sich angewidert und gelangweilt abwenden und was vernünftiges mit ihrer Zeit anfangen, zum Beispiel kollektiv Superstars zu suchen und Millionär oder wenigstens Papst zu werden. Dann diagnostiziert man Politikverdrossenheit und kann fürderhin weitgehend unbeachtet machen, was man nicht kann, aber will.
In Phase 2 führt man die de facto längst bestehende große Koalition offiziell zur Großen Koalition zusammen und verspricht, dem Partner niemals mehr vorzuwerfen, er habe seine Klientel verraten und breche nach Lust und Laune Wahlversprechen. Das ist recht praktisch für alle, mal abgesehen von der Klientel, weil niemand mehr schlecht gemacht wird, außer vom Lafontaine, und auf den hört eh' keiner.

Nun sind wir in Phase 3, die eigentlich nicht zum Konzept gehörte, weil sowieso nur noch eine Minderheit bis drei zählen kann. Man erschrickt furchtbar, weil immer noch keine Reformen greifen und man, der Nachteil der Großen Koalition, niemanden mehr hat, dem man vorwerfen kann, er blockiere die eigentlich unheimlich effektiven eigenen Reformpläne. Jetzt wird man happelig, weil das trotz RTL und Bild irgendwann jemand merken könnte, und dann hat man den Salat, aber keinen Sündenbock. Das Problem ernsthaft angehen zu können, glaubt schon lange niemand mehr, so bescheuert hat man schließlich nur getan, um die Leute zu verdrießen. Also greift man zu Sprachtricks, aus Reformieren wird Deformieren, und das kann jedes Kasperl. Und so deformiert man emsig das grundlegende Problem, nämlich die Tatsache, dass es hinten und vorne an Barem fehlt, indem man in einem fort an einer Stelle mit dem bedauernden Hinweis auf die harten Zeiten Kohle abgreift, die man dann an anderer Stelle mit dem aufmunternden Hinweis, man bringe damit das jeweilige marode System wieder in Schwung, zurückpumpt. Dass dabei die Menge an Barem nicht zunimmt, übersieht man geflissentlich.

Aus diesem Grund muss sich peu à peu jeder darauf einstellen, in Zukunft selbst zu sehen, wo er bleibt, nur mit dem zusätzlichen, stetig wachsenden Klotz der finanziellen Verantwortung für das Gemeinwesen am Bein. Das sieht dann etwa so aus: Die staatliche Rente/Krankenversicherung/Arbeitslosenversicherung langt nicht mehr, also muss man bisschen mehr einzahlen, um bisschen weniger dafür zu bekommen, das allerdings bisschen später, oder gar nicht, oder nur, wenn man 73 Jahre ohne Unterbrechung als Alleinverdiener gearbeitet und dabei 7,2 Kinder in die Welt gesetzt hat - statistisch, versteht sich. Für alle anderen gibt's ALG II, Hartz IV oder 6 aus 49.

Moo - ment, da kommt gerade ein neuer Faktor in die Ungleichung. Könnte es sein, dass die soziale Misere in Wirklichkeit gar nicht an den mit dem Vorschlaghammer bis zur Kosteneutralität deformierten Hilfen liegt, sondern an diesen unwilligen Einwanderern, die ned amoal g'scheit Boarisch kenna? Das jedenfalls argwöhnt, in jeder Hand eine Bohrmaschine, unser Edmund Stoiber, und scheint gar nicht zu merken, wo das hinsteuert: Wenn ein staatsbügerlicher Test nach Machart der aktuellen Modelle Pflicht wird, muss man konsequenterweise nicht nur -zigtausende Bild-Leser mit Gewalt vor RTL II wegzerren und in nordafrikanische Abschiebelager verschiffen, dann dürfte es auch für manchen CSU-Politiker eng werden. Hätte dann ein Ministerpräsident noch 'ne Chance auf einen deutschen Pass, der öffentlich folgenden Satz in laufende Kameras stammelte? Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten ohne daß Sie am Flughafen noch einchecken müssen dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am am Hauptbahnhof in München starten Sie ihren Flug zehn Minuten [...] Wenn Sie vom Flug- äh vom Hauptbahnhof starten Sie steigen in den Hauptbahnhof ein Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flughafen Franz-Josef Strauß dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München - das bedeutet natürlich daß der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern an die bayerischen Städte heranwächst weil das ja klar ist[...].

Was? Das glauben Sie nicht, dass einer so einen Wortmüll absondern kann? Bitte: Öffnet externen Link in neuem FensterHier geht's zum O-Ton (MP3, 1,4 Megabyte).

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