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Tostaky

(Noir Désir, Barclay, 1992) 1987 tauchte Noir Désir nach zunehmendem Live-Erfolg auf ("Où Veux Tu Qu'Je R'garde"), zwei Jahre später folgte "Veuillez Rendre L'Âme (à qui elle appartient)", dann nach einer noch längeren Pause 1990 "Du Ciment Sous Les Plaines". 1992 revolutionierte "Tostaky" nicht nur den Stil der Band, sondern brachte die gesamte französische Rockmusik ins Wanken.

Sowas erschöpft, und daher folgte erst 1996 mit "666.667 Club" das nächste Album, nach weiteren fünf langen Jahren schließlich mit "Des Visages, des Figures" eine Wendung in ruhigere, innovativere, aber nicht weniger intensive Bahnen. Dabei, so ist zu befürchten, dürfte es wohl bleiben: Bernard Cantat, charismatischer Frontman der Formation, sitzt seit Monaten in einem Gefängnis in Litauen. Bei einem Streit mit seiner Freundin, der Schauspielerin Marie Trintignant (ja, die Tochter von Jean-Louis) brachte er dieser unter lächerlich-romanhaft nebelulösen Umständen Verletzungen bei, die wenig später zu ihrem Tod führten. Wer sich dafür interessiert, findet in den einschlägigen Medien mehr Klatsch und wilde Theorien, als igendwer brauchen kann - hier geht es um "Tostaky", eines der Alben, die tatsächlich den überstrapazierten Begriff "Meilenstein" verdienen.

Der erste Song, "Here It Comes Slowly", macht klar, was den Hörer erwartet: Rock, keine Ziselierungen, keine angestrengten Versuche zu überraschen, einfach nur Rock. Vielleicht gerade deswegen gelingt das Vorhaben so gut, getragen von Serges schreiender Gitarre und Bernards energiegeladener Stimme. "Ici Paris" räumt den letzten Zweifel daran aus, bevor "Oublié" mit deutlich ruhigeren Tönen so etwas wie eine Pause bietet, in der Cantat die andere Seite seiner Stimme demonstriert - bluesig, dunkel und getragen. "Alice" und "One Trip/One Noise" liegen dazwischen, kontrollierter, aber gleichermaßen voller Energie.

Dann folgt mit dem Titelsong "Tostaky (le Continent)" der unstrittige Höhepunkt des Albums und für lange Zeit danach auch jeden Konzerts. Das Stück wechselt zwischen monotonem Sprechgesang vor monoton schneidenden Gitarren und beinah überschnappendem Geschrei vor etwas definierteren Klängen, beim ersten Hören zuckt man unwillkürlich zusammen - oh Gott, jetzt haben sie's übertrieben. Geschraddel! Erst nach einer Weile windet sich das geniale Muster ins Ohr, dann aber kriegt man es kaum mehr heraus. Gut fünf Minuten braucht das Lied, bis schließlich das anachronistische Geräusch einer Plattennadel ertönt, die sich am Ende der ersten Seite hebt, damals, als Platten noch groß und schwarz waren. Nicht neu, die Idee, aber selten so passend wie hier.

Das erste Stück der "B-Seite" verlängert die Verschnaufspause, bevor mit "Johnny Colère" wieder aus allen Rohren gefeuert wird. "7 Minutes" dauert sinnigerweise deren genau sechs, dann folgt der ruhigere zweite Höhepunkt. "Sober Song" ist schon allein deswegen brillant, weil es ihm gelingt, außer mit dem Text auch über die Musik die Katerstimmung am Morgen nach einer durchsoffenen Nacht zu transportieren. Wer es nie erlebt hat, kann es hier ohne Kopfschmerzen ausprobieren. Es folgt ein letztes hartes Stück, bevor "Lolita Nie En Bloc" ein gelassenes Ende setzt.

Fazit: Kaufen, hören, und dabei hoffen, dass sich doch noch eine der absurden, paranoiden Theorien als wahr herausstellt, die Bernard Cantat als das Opfer dunkler Verschwörungen von Geheimdiensten, Plattenindustrie und weiß der Teufel wem noch alles hinstellen. Dann gäbe es vielleicht noch einmal eine Chance auf eine solche Platte.

Infos und jede Menge Material gibt es auf der Öffnet externen Link in neuem Fensteroffiziellen Website - wenn sich der explodierte Verkehr dort wieder so normalisieren sollte, dass der Server die Anfragen stemmen kann.

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