(Noir Désir, 2008) Lange war es still um Noir Désir, nachdem Sänger Bernard Cantat auf dem Zenith des Schaffens ein trauriges Drama verursachte und für einige Jährchen hinter Gitter wanderte. Wer sich eher für den genialen Sound interessiert als für blutrünstige Details, wartete bang.

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- zu schade, wenn's das gewesen sein sollte; hohe Erwartungen hingegen, wenn Noir Désir die Zäsur überwinden und womöglich in irgendeiner Form verarbeiten sollte. Nun scheint es, als zeichne sich genau das ab.
Zu hören war als erstes, dass Cantat gegen strenge Bewährungsauflagen freigelassen wurde und ihn - Anlass zur Hoffnung - Band-Mitglieder am Gefängnistor abholten. Dann herrschte wieder Funkstille, wenngleich immerhin der eine oder andere ohne viel Wirbel veranstaltete Auftritt im Nachhinein bekannt wurde.
Die
Website der Band wurde Anfang November 2008 in komplett neuer Aufmachung wiedereröffnet. Zum Relaunch stellte Noir Désir zwei neue Songs vor, die es als MP3 gratis zum Download gibt. Sowas macht man eigentlich nicht, wenn's nicht in irgendeiner Form weitergehen soll, und so heißt es auch in der Vorstellung der Stücke vielsagend "A part ça, Noir Désir est au travail..." (Davon abgesehen, Noir Désir ist an der Arbeit...).
Zur Sache: "Gagnants/Perdants" und "Le temps des cerises" heißen die beiden Stücke, die im Oktober 2008 entstanden, und sie werden als "Reaktion auf den aktuellen, politischen und humanen Kontext" beschrieben - "unmöglich, mit der Veröffentlichung zu warten". Das erste Lied ist ruhig, getragen von Cantats dunkler Stimme. Wie so oft bei Noir Désir verursacht "Gewinner/Verlierer" mit seiner Intensität vielleicht gerade deswegen eine leichte Gänsehaut.
Das gilt umso mehr, wenn man des Französischen mächtig ist und den Text vor den erwähnten Kontext stellt. Unverhohlen politisch engagiert ist die Band schon seit jeher: All diese schönen Spiele, erfunden um als erste an die Reihe zu kommen, um jeden zu erdrücken, der sich immer noch weigert sich anzupassen. [...] Pimprenelle und Nicolas [französisches Pendant zu Kasperle und Gretel, hier mit unverkennbarer Anspielung auf Premier Nicolas Sarkozy und seine unsägliche Carla Bruni], Ihr lullt uns in den Schlaf, der Sandmann ist gekommen, aber wir halten ein Auge offen, oh die Angst, oh die Leere, oh der Sieg der Gierigen [...] Es gibt Futter für die Kanonen, es gibt Futter für die Spekulation, es gibt Futter für die Werbung, es gibt alles was Ihr liebt [...]
Politisch in die selbe Richtung geht "Le temps des cerises", ein Stück, das 1866/67 geschrieben und seitdem unzählige Male neu interpretiert wurde. Es war eine der Hymnen der Pariser Kommune, die, unter Napoleon III entstanden, 1871 durch dessen republikanisch-konservative Nachfolgeregierung in der "blutigen Maiwoche" (
Erklärung bei Wikipedia) auf den Barrikaden (ja, daher kommt der Ausdruck "auf die Barrikaden gehen") gewaltsam zerschlagen wurde - inhaltlicher Kommentar überflüssig. Musikalisch nimmt sich Noir Désir des historischen Stoffes recht flott an; satte Rhythmusgitarren, schnelles Tempo, der Gesang rau und aggressiv.
Beide Stücke sowie ein PDF mit den Texten und einigen Sätzen zur Entstehung konnte man einige Wochen gratis in einem RAR-Ordner herunterladen, so dass sie jetzt frei im Internet kursieren - so gehört sich das, wenn man mit Gitarre und Schlagzeug gegen neoliberale Sandschlösser anspielt.



