Nun haben sie ihn doch abgeschossen, nach wochenlangem Gezerre um mehr oder minder belegbare Vorwürfe. Dabei ist es völlig bedeutungslos, ob gegen diese oder jene bürokratische Formalie in der Erweiterung der Ergänzung zum Anhang der Aktualisierung irgendeiner Vorschrift in seiner Behörde verstoßen wurde.

Und wenn ja, ob das Florian Gerster selbst getan, billigend in Kauf genommen oder einfach nicht gewusst hat – das eigentliche Dilemma liegt ganz woanders. Bloß, niemand mag offen darüber sprechen, denn: Es ist nicht lösbar.
Wenn Gerster sich in den nächsten Wochen nach einem wohlverdienten Urlaub auf dem ersten Arbeitsmarkt nach einer neuen Tätigkeit umsieht – warum nicht als Unternehmensberater? –, dann wird er das im festen Bewusstsein tun, sich nichts vorwerfen zu müssen, sondern Opfer einer miesen Kampagne zu sein - was in seinem Fall sogar nicht ganz aus der Luft gegriffen scheint.
Wenn Rudolf Scharping feist grinsend aus dem Pool heraus zusieht, wie Peter Struck peu à peu immer tiefer in den Spagat sinkt, die Bundeswehr mit weniger Geld zu einer teureren Eingreiftruppe zu reformieren, dann weiß er sich selbst unschuldig wie ein Lamm. Als der geschasste Max Streibl mit Tränen in den Augen trotzig „Adios Amigos!“ rief, empfand er nur mehr berechtigte Abscheu gegen die Schmutzfinken, die ihn um seinen Job als Ministerpräsident gebracht hatten. Helmut „daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern“ Kohl gerät noch heute vor Wut ins Stammeln ob der ungeheuren Vorwürfe, er habe sich über Recht und Gesetz hinweg gesetzt und sammelt nach eigenem Bekunden Spendengelder, um etwa die „Landesverräter“ der Panorama-Redaktion als eben solche zu entlarven. Und der bayerische Finanzminister Kurt Falthauser ist, das liegt auf der Hand, böswillig missverstanden worden mit seiner Äußerung, das Finanzamt München habe die Strauß-Gruft nie pfänden wollen, das sei „eine Medienkampagne“; tritt er tags drauf nach einem vertraulichen Gespräch mit Edmund Stoiber wieder vor die Mikrofone und konstatiert ohne zu erröten das genaue Gegenteil, dann ist das, Kruzifix noch mal!, „kein persönlicher Fehler“, sondern nur „ein Widerspruch in [seinen] Angaben. Dass zuvor Monika Hohlmeier ihrerseits vertraulich mit Stoiber gesprochen hat, und dass so oder so ihr Bruder Max Strauß wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor dem Kadi steht, hat damit, wir ahnen es, auch nichts zu tun.
Soweit die Beispiele für das Schalten und Walten derer da oben, in akademischen Kreisen auch als Funktionale Elite bezeichnet – nun, wie oben versprochen, das eigentliche Dilemma: Sie können nichts dafür. Sie sind sich keiner Schuld bewusst und damit unschuldig im wahrsten Sinne des Wortes, ganz egal was sie getan haben oder nicht, ganz egal ob die Vorwürfe auf Fakten beruhen oder als Vorwand dienen, ganz egal ob es um einen Gesetzesbruch oder eine bloße Ungeschicklichkeit handelt. Sie können nichts dafür, denn das wäre so ziemlich das einzige, wofür sie nicht geschaffen sind. Die Lebensläufe der funktionalen Elite ähneln sich in ihren wesentlichen Grundzügen wie ein Ei dem anderen. Bleiben wir bei Gerster: Abitur, Wehrdienst, Reserveoffizier (heute Oberstleutnant), Studium der Psychologie und Betriebswirtschaftslehre, ab 1974 im Wormser Stadtrat, 76 bis 77 persönlicher Referent des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Karl Thorwirth, 1977 Landtagsmitglied, 1981 bis 91 freiberuflicher Personalberater, stellvertretender Landesvorsitzender der SPD in Rheinland-Pfalz, von 1987 bis 91 im Bundestag, 1991 - 1994: Minister für Bundesangelegenheiten und Europa in Rheinland-Pfalz unter Ministerpräsident Scharping (ja, eben der Rudolf!) und 1993 nur knapp von Kurt Beck als dessen Nachfolger geschlagen, darum 1994 - 2002 Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit; schließlich seit April 2002 Präsident der Bundesanstalt für Arbeit. Nebenbei bemerkt: Vorgänger Bernhard Jagoda musste gehen, nachdem der Bundesrechnungshof gerügt hatte, zwei Drittel der von der BA deklarierten Arbeitsvermittlungen seien falsch.
Wie um alles in der Welt soll man mit einem solchen Lebenslauf die Schuld für was auch immer bei sich selber suchen?! Er formt die Führungsriege, die nun einmal für Spitzenstellen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nötig ist – daher rührt ursprünglich der Begriff „Bonzen.“ Vom Start weg, das ist unabdingbar für den Erfolg, hämmern dem (oder der) Betroffenen sämtliche Sozialisationsrelevanten Signale ein, etwas besonderes zu sein, zum Führen gemacht und in mancher Hinsicht außerhalb der für die Allgemeinheit gültigen Regeln. Und das ist denn auch die Krux: Im Kielwasser des Erfolgs entsteht, eng mit Dauer und Niveau verbunden, das Bewusstsein, unfehlbar zu sein. In der Praxis beginnt die Auswirkung dieses Prozesses mit dem Jungmanager, für dessen Mercedes die Verkehrsregeln nur eingeschränkt gelten, und endet mit dem Bundeskanzler, der nach 16 Jahren im Amt jede noch so berechtigte Kritik als heimtückische Attacke gemeiner Widersacher empfindet.
In diesem Sinne: Wir brauchen Elite-Universitäten - unbedingt. Dann sind die Lenker der Nation wenigstens nach dem Abitur im Elite-Internat nicht dem Schock ausgesetzt, mit Hinz und Kunz in einem Hörsaal zu hocken. Übrigens: der französische Ex-Premier, Bürgermeister von Bordeaux, engster Berater Chiracs und Chef der Neo-Gaullisten Alain Juppé ist soeben zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Und, wen wundert's, er ist Absolvent einer der berühmten Grandes Ecoles - die Franzosen haben schon lange, was wir Deutschen uns noch nicht ganz trauen. Genau wie die Italiener. Ciao, Berlusconi!



