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Fette Checkung

Im Wettstreit um den profitablen Titel des dümmlichsten und damit werbewirksamsten Senders Münchens hat ein Konkurrent sich erstaunlich nah an den bislang unschlagbar scheinenden Titelverteidiger Radio Gong herangeschoben: Radio Charivari.

Den Erfolgsfaktor bildet nicht etwa die durchschnittlich hohle Eigenwerbung "der beste Mix für München", sondern eine nachgerade infame Geheimwaffe: der Straßenchecker-Club. Im Grunde geht's zwar nur um Verkehrshinweise - schlicht genial ist aber das Konzept, einen Haufen debiler Opfer in institutionalisierter Form als kostenlose Tipplieferanten an sich zu binden und ihnen in einer Ära zerfallender Strukturen auch noch so etwas wie ein Sinngefühl zu vermitteln.

Und das geht so: Man bedient sich der traurigen, konsequent tabuisierten, aber letztlich unbestrittenen Tatsache, dass die Welt voll ist von armen Kasperln, die nichts sind; arme Schweine also, denen in ihrer auf Raten abgestotterten Segmüller-Höhle nach der Arbeit nichts zu tun einfällt, bis sie sich um viertel nach acht vor ihre auf Raten abgestotterte Mediamarkt-Plasma-Riesenglotze hocken und endlich Big Brother oder ähnlichen Mist gucken können. Ihnen gibt Charivari ein gutes Gefühl: wenn sie schon nichts sind, können sie wenigstens "Straßenchecker" sein.

Ein Straßenchecker ist jemand, der sich dann, wenn ihn die Leere in seinem Kopf ganz schwindelig zu machen droht, hinters Steuer seines auf Raten abgestotterten motorisierten Ego-Ersatzes setzt und, na was wohl, die Straßen checkt. Feinstaub, Kohlendioxid, Klima und die ganze Soße, Energieknappheit, Spritpreise, was soll's - der Straßenchecker ist schließlich nicht nur im Auftrag der Dummheit unterwegs, sondern obendrein auch noch legitimiert. Und zwar einerseits durch den Fakt, dass man in Deutschland so einiges darf, aber gewiss nicht gegen irgendwas schimpfen, was mit motorisierter Fortbewegung zu tun hat, und andererseits eben durch besagte Eigenschaft als Straßenchecker. So 'ne Art Amt, quasi. Erteilt von Radio Charivari. Und so fährt das Kasperl dann ohne Sinn, Zweck und Verstand durch die ohnehin verstopften Straßen und checkt. Was es checkt? Ja meine Güte, was denn wohl, nicht etwa Staus und dergleichen, da könnte man womöglich noch ein Minimum an Vernunft hineindiskutieren, sondern Geschwindigkeitskontrollen. Damit die ganzen anderen irren Autofetischisten immer hübsch gewarnt sind und genau an der richtigen Stelle vor der Radarfalle kurz vom Gas gehen. Und das Straßenchecker-Kasperl lacht sich eins über seinen schon fast irgendwie Robin Hood-artigen Streich gegen die Obrigkeit, für die ihm und seinesgleichen von der Bild-Zeitung ("Tempo 100? Ich hup' Euch was!") versprochene "freie Fahrt für freie Bürger."

Da kann man schon ins Grübeln kommen in Sachen "mündiger Bürger", ob Innenminister Schäuble nicht womöglich doch recht hat mit seinen hartnäckigen Attacken gegen die freiheitliche Grundordnung.

A Propos "mündiger Bürger." Wie die EU herausgefunden hat, ist jeder zweite mündige Bürger in Deutschland zu fett, Entschuldigung, er ist natürlich nicht "zu fett", sondern er "leidet unter Übergewicht" oder "ist adipös". Das meint zwar das selbe, suggeriert aber, immerhin reden wir hier von 50 Prozent der Wählerschaft, die Betroffenen hätten so etwas wie eine unverschuldete, schicksalhaft-heimtückische Krankheit. Überraschend kommt das trotzdem nicht so recht, schließlich schlagen Ärzte, Kindergärtner, Sportlehrer und Kreiswehrersatzämter schon seit rund 15 Jahren Alarm deswegen. Der Unterschied besteht offenbar darin, dass sich nun auch RTL und die Bild des Themas annehmen, und sei es nur, um wie letztere ihrer Leserschaft (beziehungsweise der Hälfte davon), gleich am zweiten Tag Entwarnung zu melden: "Dicke sind glücklicher."

Das mag stimmen oder nicht, aber jetzt ist es längst zu spät: Die Politik hat das Thema als dankbares Feld entdeckt, bei dem man eigentlich nichts falsch machen kann, wenn man nur recht betroffen tut und möglichst mediengeeignete Lösungsansätze herauslabert. Man heuchelt also Bestürzung, die angesichts geschätzter 70 Milliarden Euro Folgekosten im Gesundheitssystem nicht ganz unberechtigt ist, und demonstriert Handlungsbereitschaft. CDU/CSU sind gegen jeden Zwang, vielleicht eingedenk der Altvorderen Helmut Kohl und Franz Josef Strauß, die sich bekanntlich beide gern die Wänste bis zum Anschlag füllten, vielleicht aber auch nur, weil sie sich Zwangsmaßnahmen für die Innen- und Sozialpolitik aufheben wollen. Die SPD sieht endlich wieder einmal die Möglichkeit, ohne Risiko eine Art soziales Bewusstsein vorzutäuschen und will mit der Gießkanne wohltätige Gegenmaßnahmen ergreifen, für die sie aber leider auch keine Finanzierungskonzepte hat; die Opposition tut was sie immer tut und bemängelt pauschal, sämtliche Pläne gingen nicht weit genug.

Den Vogel schießt Verbraucherschutzminister Horst Seehofer ab, der für die Bundesregierung erklärt, man setze auf den mündigen Bürger und "Vernunft statt Vorschriften." Wohin das führen mag, weiß der Geier - vielleicht haben wir in nicht allzu ferner Zukunft das Vergnügen mit von Radio NRJ entsandten Döner-Checkern oder ähnlichen Verirrungen.

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