Haben Sie in letzter Zeit mal RTL II geguckt? Hm? Na los, geben Sie's schon zu, macht doch jeder mal, jetzt, wo Sascha (M., 29, arbeitslos) wieder weg ist. Da ist Ihnen bestimmt zwischen zwei Spots für moderne Partnersuche per SMS auch diese unheilsschwangere Ankündigung für 'Das Experiment' aufgefallen.

RTL II hat Andreas K. (26, endsportlich, Baseballkappe) ohne Not in einen Rollstuhl gesetzt und gefilmt, wie er das findet. Wie wir das finden, kümmert niemanden. Eines ist mal klar: Das wird nicht einfach.
Andreas K., behauptet zumindest RTL II, studiert an der TU München Maschinenbau. Da geht's natürlich gleich los, nach ein, zwei Sätze von ihm kommen ernsthafte Zweifel daran auf, denn man fragt sich, ob seine geistigen Kapazitäten auch nur für einfache Hauptsätze und den aufrechten Gang ausreichen. Ich meine... vielleicht ist das jetzt geschmacklos, aber: Womöglich sitzt er gern trotz zwei gesunder Beine im Rollstuhl, weil's mit dem aufrechten Gang immer hapert, wenn er gleichzeitig einen Nebensatz versucht, und es ihn daher ständig auf die Fresse haut?
Na, lassen wir das. Andreas, erfahren wir weiter, ist voll endkrass sportlich, fährt gerne Motorrad und fehlt auf keiner Party seiner Clique. Aha. Offen bleibt bis zum Sendetermin, ob Andreas K. seine Baseballmütze manchmal absetzt - außer beim Hair Stylisten und im Bett - und ob wir ernsthaft glauben sollen, eine so verlebte Gesichtsbaracke hätte erst 26 Lenze gesehen.
Das Experiment - sagt RTL II weiter - beginnt: Ein Sicherheitsband fixiert Andis Beine und simuliert so die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit eines Querschnittsgelähmten (puh... das is' jetz' aber ma' 'n endschweres Wort...). Ab sofort muss er sich dem Alltag eines Rollstuhlfahrers stellen und sehr schnell sieht er die Welt mit komplett anderen Augen: Dinge, die für ihn bisher selbstverständlich waren, muss er nun in Frage stellen. Einkaufen, U-Bahn fahren und abends mit Freunden ausgehen - bei allem steht die Vereinbarkeit mit seiner Fortbewegungshilfe im Vordergrund." Ja Donnerwetter, Wahnsinn! Da wären wir ja NIE selbst drauf gekommen!! Stößt man im Rollstuhl wirklich auf Hindernisse, die es für nicht-Behinderte nicht gibt? Hat das vielleicht sogar mit dem Wort "behindert" zu tun?!? Krass, Alter, kein' Scheiß ...
Ginge es nicht um RTL II, würden sich einige Fragen stellen. Wenn man mal zeigen will, wie schwierig jemand im Rollstuhl eine Treppe hochkommt, warum begleitet man nicht einfach 30 Tage einen beliebigen Gehbehinderten, sondern veranstaltet ein mordsteures Casting, um am Ende dieses ziegenbärtige Kasperl vor die Kamera zu rollen? Welcher verkappte Voyeur hat Interesse daran, sich diesen scheinheiligen Dokubrei reinzuziehen? Und, bewahre, was soll bloß werden, wenn am Ende das RTL-Hausblatt "Bild" sich noch einmischt, jetzt, wo es wieder Luft für wirklich wichtige Dinge hat, nachdem es das Merkel mit Hängen und Würgen an die Macht polemisiert und pauschalisiert hat?
Egal. Schließlich geht es um RTL II, und da stellt man keine Fragen, sondern verbreitet schwerpunktmäßig eine Botschaft, die da lautet:
Keine Sorge, wenn Du ein oberflächliches Würstchen bist, das im Dunkeln kaum seinen eigenen Hintern findet.
Keine Sorge, wenn Du merkst, dass außer Klamotten, Post-Grunge-Bärtchen und der Frage, welches Handy Du Dir als nächstes kaufen sollst, Friedhofsstille in Deinem Schädel herrscht.
Keine Sorge, wenn Du ein langweiliges, passives Leben führst, das Dich selbst nicht interessiert, geschweige denn irgend jemanden sonst.
Keine Sorge, wenn Du darum ständig hektische, aber sinnfreie Dinge tun musst.
Keine Sorge - den Typen im Fernsehen geht's auch nicht anders.
Gute Unterhaltung.



