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Das Totenschiff

(B. Traven) Bei B. Travens Büchern geht die Spannung mit dem Autor los: Was heißt da eigentlich "B.", hat der Kerl keinen anständigen Vornamen wie andere Leute auch? Na ja, das weiß man tatsächlich nicht so genau.

"Heute darf als gesichert gelten, dass Traven identisch ist mit dem Münchner Revolutionär Ret Marut, der [...] sich nur durch Flucht vor der Hinrichtung retten konnte, um 1924 unter dem Namen B. Traven in Mexiko aufzutauchen" - das verrät uns Kindlers Neues Literatur Lexikon. So fesselnd, wie sich das anhört, sind auch die Geschichten Travens... äh.... Maruts! Das bekannteste seiner Werke dürfte "Der Schatz der Sierra Madre" sein, und zwar wie so oft deswegen, weil es erfolgreich verfilmt wurde (1948 von John Huston mit Humphrey Bogart; Traven erschien als technischer Berater in den Credits unter dem Pseudonym Hal Croves). "Das Totenschiff" braucht sich allerdings dahinter keinesfalls zu verstecken.

Wir befinden uns in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg. Gerard Gale ist amerikanischer Seemann und verpasst in Antwerpen sein auslaufendes Schiff, weil er stilecht betrunken in irgendwelchen Hafenspelunken hängt. Damit geht der Ärger los, so lebendig von ihm selbst erzählt, als säße er uns in einer Kneipe gegenüber, trinke auf unsere Kosten und bemühte sich, bei der ganzen traurigen Geschichte selbst möglichst gut auszusehen.

Es folgt eine Odysse durch die Wirren der Bürokratie von Ländern, die in diesen schwierigen Zeiten beinah so wenig erpicht auf Menschen ohne Papiere, Mittel und festen Wohnsitz waren wie heute. Abschiebungsmanöver bei Nacht und Nebel lösen sich in munterer Folge ab, jeder Versuch, zu einer Heuer zu kommen, scheitert in bester Köpenick'scher Tradition: Keine Heuer ohne Seemannsbuch, kein Seemannsbuch ohne Staatsangehörigkeit, die nicht ohne Papiere, und diese schließlich nicht ohne feste Heuer. Schließlich landet Gerard nach einer Irrfahrt quer durch die Hafenstädte Europas doch auf einem Schiff - der Yorikke, einem Seelenverkäufer erster Klasse, zu der er trotz allem eine Art Hass-Liebe entwickelt.

Und kaum hat er begonnen, sich mit seinem Schicksal zu arrangieren, geht es mit Schwung weiter abwärts: Schanghait (für Landratten: gewaltsam in den Dienst entführt) landet er auf der Empress of Madagascar, deren Untergang nach ein paar krummen Reisen fest geplant ist, um die Versicherungsprämie abzusahnen. Dummerweise gehört dazu, dass ein möglichst großer Teil der Besatzung das Schiff auf den Meeresboden begleitet, um das Ganze glaubhafter zu machen.

Die Geschichte, überzeugend treuherzig mit einer Mischung aus Naivität und Abgebrühtheit geschildert, ist an sich schon unterhaltsam und ließe sich mit gutem Gewissen jedem Jugendlichen empfehlen, der hin und wieder ein Abenteuerbuch dem GameBoy vorzieht; man merkt, dass Traven reale Erfahrungen einflicht. Was aber den entscheidenden Unterschied etwa zum durchaus vergleichbaren Joseph Conrad ausmacht, ist die Aussage hinter der Erzählung: Gerard Gale wirft einen unromantisch-prüfenden Blick nicht nur auf Beamtenmentalität und staatliche Unfähigkeit, sondern auf eine Gesellschaft, deren einzig wahrer Maßstab letztlich Haben oder Nichts-Haben ist. Diese Prüfung und ihr Ergebnis wirken in Gerards Erzählung überraschend und wollen in ihrem intellektuellen Niveau nicht immer so recht zu der Figur passen; setzt man allerdings Marut selbst an die Stelle seines Erzählers, löst sich der oberflächliche Widerspruch zu einem weiteren Pluspunkt des Romans auf.

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