Krise hier, Krise da, allenthalben alles übel, man mag's schon gar nicht mehr so recht hören. In so einem Fall sollte man, erklären uns Lebensberater (das sind die, die es trotz basically ähnlich schwammiger Qualifikation nicht zum Unternehmensberater gebracht haben und deswegen von der Veröffenlichung billiger Goldmann-Taschenbücher leben müssen), das Positive an dem ganzen Schlamassel suchen.

Wir basteln uns einen Experten.
Und tatsächlich: Die Krise hat auch ihr Gutes. Kennen Sie die
News-Alerts, die man bei den Datenelstern von Google abonnieren kann? Feine Sache, das: Wenn man nicht selbst nach Nachrichten zu einem bestimmten Stichwort suchen mag, bestellt man sie einfach. Google scannt bekanntlich neben E-Mail-Accounts argloser Nutzer und den Vorgärten dieser Welt auch das Internet. Findet sich in einer akkreditierten Nachrichtenquelle das entsprechende Stichwort, bekommt man Bescheid per E-Mail.
Das Ärgerliche dabei ist, dass so ein Bot nicht inhaltlich differenzieren kann. Ein Begriff ist für diese virtuellen Lakaien ein Begriff, Punkt. Dass für menschliche Gehirne ein und derselbe Begriff zwei gänzlich unterschiedliche Objekte beschreiben kann, ist der Software beim heutigen Stand der Technik völlig schnurz.
Nun halte ich mir unter anderem, warum geht Sie nichts an, einen News-Alert für den Begriff Schaeffler und hoffe, auf diese Weise immer über die gleichnamige, mit der total vergeigten Übernahme des Automobilzulieferers Continental ins Licht der Öffentlichkeit gezerrte, fränkische Firma auf dem Laufenden zu sein. Dummerweise unterscheidet Software auch nicht zuverlässig zwischen ae und ä. Im Ergebnis bekomme ich fortwährend News-Alerts, die sich beim Öffnen als Nachricht nicht über fränkische Familienimperien, sondern über Frank Schäffler entpuppen.
Frank Schäffler. Über den Mann ist wenig Gutes zu berichten, das fängt bei seinem Geburtsort - Schwäbisch Gmünd, nichts für ungut - an, geht bei seiner beruflichen Ausbildung - Industriekaufmann (Bad Salzuflen), Diplom-Betriebswirt (FH Bielefeld, ja meine Güte) - weiter und endet noch lange nicht bei seiner politischen Karriere. Letztere führte ihn über die Jungen Liberalen (weia!) im zarten Alter von 19 Lenzen schnurstracks in die FDP, wo er als Diplom-Betriebswirt (FH) offenbar als ausreichend qualifiziert galt, hinfort den Titel "Finanzexperte" zu führen. Zum Verständnis: Diese wohl- und irgendwie wichtig klingende Bezeichnung ist bei näherem Hinsehen ebenso nichtssagend wie ungeschützt. Wenn beispielsweise ich mit sowas was zu tun haben wollte, könnte ich mich ab sofort auch Finanzexperte nennen. Will ich aber nicht.
Schäffler sticht selbst unter Politikern durch bemerkenswerten Drang zur Selbstdarstellung hervor. Als Finanzexperte rennt er seit Jahr und Tag sofort jedem Mikrofon hinterher, sobald irgendwo in Dingelingboing ein Sack Reis umfällt. Den Zusammenhang zu seinem, ähem, Fachgebiet stellt er dann über den Reispreis her, oder dadurch, dass der Sack auf die Spardose eines chinesischen Bauernsohnes fiel. Hauptsache ist unverkennbar die Gelegenheit, die Welt im allgemeinen und meinen Mail-Account im besonderen mit der Meinung des finanzpolitischen Superstars in spe zu belästigen.
Was hat das nun mit der Krise zu tun? Und was ist an derlei unschönen Kollateralschäden der Demokratie positiv? Sein Rücktritt. Nachdem ihm die Krise erst zu ungeahnten Ergüssen verhalf, weil wirtschaftliche Aspekte den Rest des Informationslebens in den Schatten drängten, hat er den Bogen schließlich überspannt und im explodierenden Geltungswahn den Bettel im Finanzausschuss des Bundestages hingeschmissen. Vordergründig geschah dies aus Protest gegen das sogenannte Euro-Stabilisierungsgesetz, aber als aufmerksame Beobachter der politischen Kaste wissen wir es natürlich besser: Hier bot sich die unwiderstehliche Gelegenheit, den Nimbus eines gegen-den-Strom-Schwimmers zu erwerben und neben Reimers News-Alerts endlich auch einmal die Schlagzeilen der wichtigen Medien zu erklimmen.
Letzteres hat ganz ordentlich geklappt, tatsächlich hielten Hinz und Kunz dem standhaften Betriebswirt (FH) das Mikro hin und ließen ihn ungehemmt hineinschwallen. Was er offenbar nicht begriffen hat: Nach ein paar Tagen im Informationszeitalter sind die Mikros wieder weg, und dann kommt, sofern nicht Rainer Brüderle rettend eingreift, unweigerlich das große Schweigen. Dann ist Frank Schäffler nicht mehr der Finanzexperte der FDP-Fraktion, sondern nur noch irgendein Hinterbänkler aus Bad Salzuflen oder irgend so einem Nest. Oder erinnern Sie sich etwa noch daran, wie, warum und wohin Friedrich Merz, auch so ein Wirtschaftsweiser von eigenen Gnaden, die politische Bildfläche geräumt hat?
Eben. Funkstille, beziehungsweise die volle Aufmerksamkeit seiner sinnstiftenden Anwesenheit in Berlin für Projekte wie dieses: "Auf Einladung von Frank Schäffler besuchten Marktbeschicker aus Bünde und Mitglieder des Spielmannszugs Nordengerland die Bundeshauptstadt Berlin."*



