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Jedem das seine

Populismus, das haben wir kürzlich gelernt, ist eine üble Sache - da lobt man sich doch eine grundehrliche Klientel-Politik: 1. weiß da jeder, woran er ist, 2. unterhält sie eine Menge Arbeitsplätze, und 3. ist im Gegensatz zum P. wenigstens niemand so bescheuert, beim Ausüben dieser Form von für-blöd-Verkaufen-der-Öffentlichkeit auch noch zu glauben, es höre jemand zu:

Wenn Eismann Giovanni Gelato die allein-seligmachende Wirkung seines Straciatella allzu laut predigt, nimmt ihn sowieso niemand ernst, drum lässt er's beim Allernötigsten bewenden. Bis jetzt.

Als Zeichen, dass Lobbyisten und ähnliche Produkte der post-kapitalitischen, prä-ultra-kapitalistischen Gesellschaft die letzten Hemmungen verlieren, ändert sich das altvertraute Schema zur Zeit. Das ist schwer zu verübeln, der clevere Lobbyist muss sich ja angesichts der trägen Masse Gong 96,3-hörender, Big Brother-schauender Produktions- und Konsumfaktoren fragen, wozu zum Teufel er sich eigentlich noch mühsam subtile Methoden der Meinungssteuerung einfallen lässt. Das politische und soziale Klima passt wie nie zuvor, die über den Tellerand des vormals grenzenlosen Wachstums zu fallen drohende Gesellschaft hat ohnehin keine Chance mehr, in der Informationsflut aus Fakten, Hintergründen, Meinungen, Halbwahrheiten und dreister Lügen zu unterscheiden, was denn nun eigentlich wahr ist (vermutlich wenig), was nur stark verfälscht (wahrscheinlich das meiste), und was glatter Schwindel (bestimmt viel zu viel).

So muss man sich daran gewöhnen, dass sich Sprecher von Industrie- und sonstigen Verbänden, Unternehmen, Institutionen und selbst der Politik ungeniert vor Mikrofone und Kameras stellen, um als Heilsbringer getarnt das konsequente Verfolgen der Interessen ihrer jeweiligen Klientel als objektiv sinnvolle Rettungsmaßnahmen zu präsentieren - in der festen und womöglich nicht gänzlich unbegründeten Überzeugung, irgend jemand werde ihnen den Unsinn schon abkaufen. Im Grunde hätte das alles ja einen ganz bemerkenswerten Unterhaltungswert, wenn denn nur jemand lachte - das aber ist allen längst gründlich vergangen.

"Und die Medien?!", fragen Sie zu Recht beunruhigt, "Was in aller Welt tut denn bloß die vierte Gewalt gegen derlei Fehlentwicklung?" Nichts. Zum einen weiß man selbst längst nicht mehr, wo im allgemeinen Durcheinander oben und unten ist, zum anderen geht's einem ja nun auch schon eine Weile nicht mehr so glänzend (wer's nicht glaubt, geht nochmal über "Los" und liest die Einführung). Da ist es deutlich sicherer, sich auf die nackte Berichterstattung zu beschränken, streng paritätisch, versteht sich, bloß niemanden bevor- oder -nachteiligen. Was dabei herauskommt, ist das weitere Anschwellen der Nachrichtenflut in einem Kreislauf, den nur beeinflusst, wer möglichst laut und schlagwortartig schreit - Ähnlichkeiten zum Populismus sind rein zufällig.

Beispiele gefällig? BDI-Präsident Michael Rogowski schlägt in der Financial Times Deutschland längere Arbeitzeiten als Konjunkturanschub vor (nanu?) und ist außerdem gegen die Beschränkung von Managergehältern (ach was!); Gesamtmetall-Chef Marin Kannegießer fordert (Überraschung!) in der Berliner Zeitung für den Aufschwung "mehr Leistung ein" - der Arbeitnehmer, versteht sich; Randolf Rodenstock, Präsident der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, hält im Manager Magazin eine Ausbildungsabgabe nun wirklich für überflüssig (sag bloß...); und Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann findet, kaum dem Staatsanwalt entkommen, in der FAZ, Deutschland brauche starke Banken mit mehr Handlungsfreiheit. Aha. Durchaus fesselnd, nur... wo ist denn da die Nachricht?!? Ebenso gut könnte man berichten, dass der Verband der Automobilindustrie findet, die Leute sollten mehr einfach bisschen mehr SUV fahren, Motorola glaubt, mit neueren Handys ginge es allen gleich viel besser und Beate Uhse, die Leute sollten doch gefälligst mehr Zeit zu zweit oder mehreren im Bett verbringen, wenn sie denn in Gottes Namen nunmal kein Geld für andere Freizeitaktivitäten über haben. Übrigens, weil wir gerade bei sachlichen Meinungen sind: Ich bin überzeugt, dass staatliche Subventionen für semi-private Websites die Internetbranche und damit die Gesamtwirtschaft in eine starke Wachstumsphase führen könnte.

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