(Tim Burton, USA 2003, 125 Minuten) Nach zweijähriger Pause meldet sich Hollywoods Wunderkind und Enfant Terrible Tim Burton auf der Leinwand zurück: "Big Fish" trifft auf hohe Ansprüche, kennt man doch Burtons System, sich nach jedem (existenzsichernden) kommerziellerem Werk (zuletzt "Planet der Affen") wieder ganz unbekümmert seiner anscheinend unerschöpflichen Fantasie hinzugeben.

Das Muster passt ein weiteres Mal: Big Fish spielt mit einer Geschichte in der Geschichte, märchenhaften Bildern und der Erwartung des Zuschauers, etwas ganz Besonderes geboten zu bekommen.
Das gibt es denn auch, und sei es nur in der Tatsache, dass etwas spektakulär Besonderes fehlt. Big Fish erzählt eine Geschichte, die eher ernüchtern alltäglich klingt als fantasievoll. Will Bloom (Billy Crudup) besucht, vor allem seiner Mutter (Jessica Lange) zuliebe, seinen sterbenden Vater Ed (Albert Finney), mit dem er seit Jahren kein Wort gewechselt hat. Kaum angekommen, erlebt er diesen auf eben die Weise, die ihn seit seiner Kindheit erst in ohnmächtige Wut, dann in Resignation getrieben hat: Noch auf dem Totenbett ist der Vater voll von magisch schillernden Geschichten aus seinem Leben, die ihn stets in den glanzvollen Mittelpunkt stellen - und, davon ist Will überzeugt, samt und sonders erfunden sind. Im Laufe dieser Rahmenhandlung, die von Rückblenden auf Eds Episoden überlagert wird, stellt Will nach und nach fest, dass an den langjährigen Beteuerungen seines Vaters, er habe nie auch nur ein Wort erfunden, einiges mehr dran ist, als er es sich je hätte träumen lassen.
In der vergleichsweise ruhigen Darstellung hält sich Burton zurück, und darin liegt die eigentliche Überraschung. Natürlich gibt es wieder seine kindliche Freude an knallbunten Bildern, originellen Gestalten, Fabelwesen, verwunschenen Szenerien und überzogenen Klischees. Insgesamt aber entsteht der Eindruck, dass der Inhalt, das Leben Ed Blooms und das tiefe Missverständnis zwischen ihm und seinem Sohn, ebenso unaufdringlich wie nachhaltig in den Vordergrund rückt. Mehr noch als in "Ed Wood" (1994) oder "Edward Scissorhands" (1990) liegt Burton hier daran, mit seiner Geschichte einen Blick auf zwischenmenschliche Irrwege zu werfen. Drei Dinge verhindern, dass ihm dies zum langweiligen Lehr- oder Rührstück missrät: Die Abwesenheit des aufdringlich erhobenen Zeigefingers, das unbekümmerte Ausleben seiner faszinierend-kauzigen Ideen, und Darsteller, die sich samt und sonders in Bestform präsentieren. Letzteres gilt vor allem für Burtons Partnerin Helena Bonham Carter (Fight Club), die gleich in zwei Rollen brilliert; Jessica Lange gibt überzeugend Wills Mutter, die jede Eigenheit Eds uneingeschränkt akzeptiert; in kleineren Rollen laufen unter anderem Danny de Vito und Steve Buscemi zu Höchstform auf.
Wenn das Licht nach Big Fish wieder angeht, ist man überrascht: selbst Burton wird offenbar nicht jünger und widersteht souverän der Versuchung, diese Tatsache mit lauten Knallern zu übertünchen. Statt dessen setzt er seine ungebrochene Faszination zurückhaltender ein, mit dem Ergebnis, glaubwürdiger zu wirken denn je.



