Mit der Rechtschreibreform, das ist mittlerweile auch dem letzten Enthusiasten klar, haben wir uns ein schönes Ei gelegt. Erst für viel Geld und mit viel aufgeregtem Lärm entwickelt, dann die Umsetzung geplant, dann stufenweise die Einführung vorgenommen - um irgendwo mittendrin festzustellen, dass die ganze Geschichte unausgegoren und nicht praxisgerecht ist.
Nach erneutem aufgeregtem Lärm erklärten Kreti und Pleti, man werde das so nicht weiter mitmachen. In der Folge entschied Kreti, auf dieser Stufe stehenzubleiben, Pleti auf jener, und die FAZ machte sowieso eine Kehrtwendung und hielt sich wieder an den Urzustand. Die wirklich katastrophale Folge jedoch kommt nur schleichend und diskret ans Tageslicht.
Im Nachklapp zu Kretis und Pletis Abkehr vom offiziell verordneten Reformfluss haben sich nämlich Hinz und Kunz dieses Vorgangs bemächtigt, um eine völlig andere, viel ältere und gänzlich unabhängige Fehlentwicklung endlich mit erhobenem Haupt zu rechtfertigen: Den rasch fortschreitenden Verfall des geschriebenen Wortes. Wer schon immer so seine Probleme mit Rechtschreibung und anderen sprachlichen Fallstricken hatte, schiebt's nun einfach auf den in der Tat für Nicht-Germanisten undurchdringlichen Reformdschungel, schimpft ein bisschen über "die Politiker", fertig ist der Lack.
Extreme Auswüchse nimmt das Phänomen beim Gebrauch des Buchstaben "S" an. Die beliebte Ausrede für diese S-Klasse unter den Fehlern - "Das liegt an der Rechtschreibreform, kennt man sich ja gar nicht mehr aus" - hat sich in den vergangenen Jahren im Reform-Kielwasser zum Standardsatz des Semi-Analphabeten gemausert. Fatal ist, dass die Reformiererei damit einen Vorwand liefert, der die Mehrheit der damit gerechtfertigten Sprachschlampereien bei näherem Hinsehen keineswegs entschuldigt - "Gerlinde's Frisurenstüberl", "Werner's Fahrschule" und "Peri's Saloon", die sich beispielsweise auf der Münchner Fraunhofer Straße einträchtig aneinanderreihen, waren vor der ersten Reform falsch und sind es nach wie vor, gleichgültig, auf welcher Stufe der Reformtreppe man stehengeblieben ist.
Und die S-Klasse breitet sich aus, rasant und über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg. Liest man etwa ein mit Edding hingeschmiertes Plakat im Penny am Gärtnerplatz, das verkündet, "Vier suchen Versstärkung für unsere Team", ist das nicht sooo erstaunlich.
Verteilt ein Filmverleih teure Plakate über die Stadt, um für ein Machwerk mit dem ohnehin in jeder Hinsicht brunzdoofen Titel "(K)ein Bund für's Leben" zu werben, ist das schon bedenklicher, schließlich sollte man meinen, dass so eine Peinlichkeit irgendwo auf der Strecke vom Urheber bis zum Drucker irgendwem der Kreativschaffenden ins Auge sticht.
Schließt sich ein so genanntes "Redaktionsbüro" an, indem es per automatisierter Mail-Unterschrift "freundliche Grüsse" sowie seine Adresse in der soundso-Strasse übermittelt, schwant dem Leser Schlimmes. Sicher, "Redakteur" ist keine geschützte Bezeichnung, so darf sich der Penny-Filialleiter vom Gärtnerplatz morgen auch nennen, dennoch... dennoch... Steigt am Ende ein gehobener wissenschaftlicher Nachrichtendienst, exklusiv besetzt mit Akademikern, in die zunehmend überfüllte S-Klasse, ist die Sache offenbar unwiderruflich verloren zu geben. Einen Bericht über "Geheimnishüter für's Handy" kündigte der Informationsdienst Wissenschaft (
http://idw-online.de/) fröhlich an - setzen, sechs.
Da lobt man sich insgeheim die bewährte Alternativausrede, mit der Menschen von Flensburg bis Garmisch seit jeher selbstbewusst ihre geschriebenen Armutszeugnisse ins rechte Licht setzen: "Ist doch völlig Wurst, die Leute verstehen schon, das wo ich gemeint hab'. Red' halt nicht so gescheit daher." Das wenigstens stimmt, und lässt daher in seiner Unbekümmertheit keinen Ansatzpunkt für gegenteilige Argumente.



