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Form f***s Function

Auf Münchens Straßen bietet sich in diesem Frühjahr ein erstaunliches Bild - Fahrräder, die eigentlich gar keine sind. Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, muss man sich wohl oder übel die Menschen ansehen, die besagte Nicht-Räder mehr schlecht als recht zu steuern versuchen.

Die daraus resultierende Erkenntnis stützt den schon länger keimenden Verdacht, dass der alte Vernunftgrundsatz "form follows function (die Funktion bestimmt die Form)" zunehmend einer dem neuen Jahrtausend offenbar besser angepassten Idee weichen muss: "Was kümmert mich die Funktion, wenn bloß die Optik stimmt." Damit fügt sich ein neuer Stein in den wachsenden Damm gegen Einflüsse des gesunden Menschenverstandes.

Die Nicht-Fahrräder, nennen wir sie der Einfachheit halber mal wie ihre Besitzer und vor allem die Verkäufer "Cruiser" oder "Chopper", zeichnen sich primär durch eine Reihe von Eigenschaften, die an sich als im wahrsten Sinne des Wortes schwerwiegende Nachteile bei wirklichen Rädern gelten: fette Stahlrahmen und -anbauteile, eine Geometrie, die sowohl das Sitzen über 15 Minuten hinaus zur Tortur macht, als auch die Fortbewegung über 10 Stundenkilometer hinaus zum sicheren Kollisionskurs mit allem, was sich sonst noch so auf den Straßen oder daneben tummelt, und Reifen mit dem Rollwiderstand einer Dampfwalze.

Logisch, dass sich ein derartig offensichtlicher Schwachsinn über ein entscheidendes Merkmal so von der Masse absetzen muss, dass Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Objekts in den Hintergrund geraten: Den Preis. Was absurd sauteuer ist, kann bekanntlich gar nicht schlecht sein, man denke nur einmal an des Kaisers neue Kleider. Und so eiern und schlingern also Typen, die ihr Leben nach einer konsequenten "mehr Schein als Sein"-Strategie ausrichten, auf den zentnerschweren Ungetümen obendrein meist minderer Fertigungsqualität durch die Flaniermeilen - stilecht in "Battle Dress" oder "Combat"-Optik (ja, das sind diese komischen Tarnfleckklamotten), hinter den derzeit angesagten ebenso sinnlosen Riesensonnenbrillen vor Blickkontakt geschützt, das Handy fest am Ohr. Das heißt, genau genommen stehen sie meistens, schließlich wird selbst dem sturesten Idioten nach einigen Metern auf so einem Ding klar, dass damit eigentlich kein Fortkommen möglich ist. Dass mir bloß keine Klagen über die Binnenkonjunktur mehr kommen!

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