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Der gute Ton

(Loriot, Diogenes 1957) Man kennt das: Jeder drängelt, macht ungeniert Lärm und Schmutz und benimmt sich überhaupt ganz allgemein exakt konträr zu Kants kategorischem Imperativ. Heute nimmt dieses Phänomen, eine Art Kollateralschaden des zum Meta-Credo mutierten Individualismus', ungeahnte Ausmaße an; aber Rücksichtslosigkeit allerorten, schlechte Manieren wohin man blickt, das gab es auch schon vor gut 50 Jahren.

Loriot, unermüdlicher Beobachter menschlicher Unzulänglichkeit, reagierte damals mit einem Ratgeber, dessen Wert mit jedem Jahr unermesslicher scheint: Das Handbuch feiner Lebensart.

"In Wort und Bild" liefert das diskret in jede Rocktasche passende Büchlein, wohlüberlegt in die Kapitel "Drinnen" und "Draußen" geteilt und sorgfältig nach allen erdenklichen Lebenslagen gegliedert, zuverlässig stilsichere Anweisungen für jede Situation, in der man als Mensch von Welt bisweilen Verhaltenssicherheit vermissen mag: Bei Tisch, in intimen Beziehungen, in Gesellschaft, auf Familienfeiern, sowie im Umgang mit Hausangestellten, Vorgesetzten und Einbrechern.

Dabei lässt der der Autor weltoffen keine auch noch so pikante Situation aus und berücksichtigt vorausschauend auch moderne Entwicklungen wie etwa das Autofahren: Der Sinn für Naturschönheiten ist bei Besitzern von Kraftfahrzeugen stark ausgebildet. Weisen Sie daher während der Fahrt unverzüglich auf Sehenswürdigkeiten aller Art hin. Der Ton der Ratschläge schließlich, und daran erkennt man untrüglich, dass Loriot selbst ein Meister guter Manieren ist, wirkt dabei nie herablassend oder belehrend, sondern immer ebenso verständnis- wie taktvoll.

Fazit: Ein vollendeter Ratgeber, der von Staats wegen zu jedermanns Plichtlektüre in einer zunehmend rüpelhaften Welt erhoben werden sollte.

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