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Zeit ist nicht relativ

Öffentlicher Nahverkehr bildet ein eigenes Universum. Trotzdem gilt, glaubt man Albert Einstein und anderen Gegnern der an sich überzeugenderen "Alles nur ein kosmischer Witz"-Theorie, auch hier der Zusammenhang - die oft falsch zitierte 'Relativität' - von Zeit und Raum.

Das zumindest möchte man gern glauben, wenn man auf der Suche nach ein bisschen Halt in einer Welt voll rapide talwärts rutschender, vormals verlässlich geglaubter Dinge - Rente, Michael Schumacher, Wirtschaftswachstum, eiserner Vorhang, absolute CSU-Mehrheit - verloren durch die Stadt irrt. Aber dann: Fehlanzeige. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Stadt München und der Freistaat Bayern zumindest scheuen, in Inkarnation des Münchner Verkehrsverbunds, keine Kosten, um mit schicken LED-Anzeigetafeln dem Kunden mitzuteilen, wann denn wohl an der jeweiligen Tram-, Bus-, S- oder U-Bahn-Haltestelle welches Mittel des ÖPNV (MVV-Slang) als nächstes abfährt. Praktisch, denkt man sich, weiß man also jetzt immer auf einen Blick Bescheid, ohne stundenlang diese altmodischen Tabellen zu studieren, während einen ständig kurzsichtige Mitmenschen schnaufend beiseite schubsen, um ihrerseits einen Blick auf den Plan zu erhaschen.

Recht bald jedoch wird man unsanft aus dieser Illusion gerissen. Die hübschen roten LED nämlich zeigen offenbar nur an, was als nächstes geschehen sollte. Das aber steht zur harten Realität ebensowenig in irgendeiner Relation, wie man das von besagten Tabellen gewohnt war. Der wesentliche Unterschied des neuen Systems gegenüber dem früheren besteht in der gesteigerten Verhöhnung des Kunden, der nebenbei bemerkt seit Jahren Preissteigerungen unterzogen wird, von denen selbst die Gastronomie nur träumen kann. Wo jedenfalls alte Fahrpläne nur zwei Optionen boten - stimmt oder stimmt nicht - und man ohnehin wusste, dass letzteres die Regel war, foppt die Digitalanzeige den wartenden Fahrgast in spe nachgerade interaktiv. Das sieht dann beispielsweise an der Tram Haltestelle Isartor, Linie 18 zum Gondrellplatz, folgendermaßen aus:
- 17:00 Uhr. Anzeige in der Spalte Abfahrt in Minuten: 2, nächster Zug: 11. Prima, lohnt sich nicht mal 'ne Zigarette.
- 17:01 Uhr. Anzeige: 1, nächster Zug 10. Logisch.
- 17:02 Uhr. Anzeige: 0, nächster Zug 9. Na, wo bleibt sie denn?
- 17:03 Uhr. Anzeige: 0, nächster Zug 8. Irritation, schließlich hat's minus sieben Grad, 'zifix!, wo?
- 17:04 Uhr. Anzeige: 0, nächster Zug 7. Spontanes Fraternisieren mit anderen Wartenden durch Unmutsausbrüche.
- 17:05 Uhr. Anzeige: 6, nächster Zug 16. Na, lohnt sich wenigstens 'ne Zigarette.

Der MVV hat im Geschäftsjahr 2004 übrigens 507 Millionen Euro brutto umgesetzt, davon gut 482 durch Fahrkartenverkäufe. Beide Messzahlen liegen rund 4,5 Prozent über denen von 2003. Jetzt wissen wir also, wo die regelmäßig mit großem Bedauern angekündigten Erhöhungen hinfließen. Als "eigenständiges Profit-Center" (Pressetext) hält man sich seit 1998 den Ideenpool einer MVV Consulting-Gesellschaft, die obendrein versucht, auch anderen Kommunen ähnliche Gadgets anzudienen - das Ganze, bevor man noch die eigentlichen Grundaufgaben annähernd befriedigend erfüllt. Wieviel Sinn derlei ambitioniertes Gehampel macht, gibt der MVV dann wenige Tage später selbst auf den Displays eines kompletten Viertels zu: Eine Anzeige ist zur Zeit [das heißt in diesem Fall mehrere Tage] leider nicht möglich. Fahrplaninformationen finden Sie in unserern Vitrinen. Ihr MVG. Aha. Zigtausend Euro also, um den Kunden per LED zu dem aufzufordern, was er eigentlich schon immer tat: Auf den Fahrplan gucken.

Als neuestes Schildbürgerstück plant der MVV derzeit den Zukunftsbahnhof Giesing, in dessen Umsetzung das altehrwürdige Stück zum "Erlebnisbahnhof und zur intermodalen Schnittstelle zwischen ÖPNV, IV [Individualverkehr], sowie als weiteres Quartierszentrum" umgemodelt werden soll. Und "zur Verbesserung der Kunden-Information" ist derzeit die Einrichtung einer "sprachgesteuerten Fahrplanauskunft" ausgeschrieben.

Gott steh' uns bei. Da wundert sich noch jemand, dass der "IV" auch 2006 wieder bis März schon den Feinstaub für ein ganzes Jahr rausblasen wird.

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