(Antes que anochezca, Julian Schnabel, USA 2000, 133 Minuten) Biographien von Intellektuellen oder Künstlern sind leider oft recht zäh, ob als Buch oder Film. Mehr als zwei Stunden Film angefüllt mit der Autobiographie eines politisch verfolgten, cubanischen und zu allem Überfluss auch noch homosexuellen Schriftstellers lassen da das Schlimmste befürchten.

... ist doch ein noch ergiebigeres Feld für den erhobenen Zeigefinger eines sendungsbewussten Autorenfilmers kaum vorstellbar - man denkt mit Schaudern an Machwerke wie etwa den "Blick des Odysseus." Um so erleichterter ist man, wenn man sich trotz leichten Widerstrebens in die obendrein nicht einmal synchronisierte Version von "Before Night Falls" begibt und nach der ersten halben Stunde mit rapide wachsender Zuversicht feststellt: Es lohnt sich. Julian Schnabel, eigentlich ein renommierter Maler und Bildhauer, dessen Werke in den Museen der Welt vom Metropolitan Museum of Art über das Pariser' Centre Pompidou bis zur Londoner Tate Gallery stehen bzw. hängen, legt mit der Biographie Reinaldo (eigentlich: Reynaldo) Arenas' seinen zweiten Film vor, und hängt damit mal eben etablierte Kollegen wie Pedro Aldomovar ab.
Das Leben Arenas' ist eigentlich, so tragisch es verlief, schnell erzählt: 1943 in der cubanischen Provinz in einem Kaff namens Oriente in einer armen Familie geboren, schloss er sich als Teenager Castros Rebellen an und landete nach dem Sieg schließlich 1964 in Havana, wo er sich mit kleinen Jobs über Wasser hielt und einen Roman über seine Kindheit schrieb. Dieser gewann einen kleinen Preis, was dem jungen Talent einen Job in der Nationalbibliothek einbrachte, so dass es sich stärker dem Schreiben widmen konnte, und außerdem, nach ersten Kontakten zu einem wohlhabenden Homosexuellen namens Pepe, zunehmend dem wilden Leben zwischen Bars, Strand und Partys. Unter dem schnell zur Diktatur mutierenden Regime Castros gerät die schwule Subkultur als Ausdruck individuellen Nonkonformismus' schnell ins Visier der Behörden. Reinaldo wird erst schikaniert, dann unter einem Vorwand für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt; dort schreibt er einen Roman, der auf recht ungewöhnlichem Weg hinausgeschmuggelt und in Frankreich veröffentlicht wird, wo ihn die Kritik, wie schon mehrere Vorgänger, begeistert aufnimmt. Arenas wird schließlich entlassen und verlässt Cuba, als Castro beginnt, "Dissidenten" und Konterrevolutionären systematisch die Ausreise in die USA nahezulegen. Mit seinem Gefährten Lázaro Garriles endet Arenas, trotz etlicher erfolgreichen Veröffentlichungen als mittelloser Staatenloser, in Manhattan, wo er 1990 AIDS zuvorkommt und sich das Leben nimmt.
Schnabel macht aus dieser Geschichte ein Bündel von Gratwanderungen: zwischen Phantasie und historischen Fakten, zwischen verträumter Bilder-Ästhetik und grobkörniger Dokumentation, zwischen privatem Schwulen-Dasein und politischer Entwicklung. Erstaunlich, wie sicher ihm das gelingt, erstaunlich auch, wie souverän er dabei jede Falle umgeht, in erdrückendem Pathos oder belehrender politscher Missionarsarbeit steckenzubleiben. Etwas weniger erstaunlich wird diese Leistung, wirft man einen Blick auf die Schauspieler: Javier Bardem, mit 35 Jahren und nach 16 Filmen ein Star in seinem Heimatland Spanien, in Frankreich und dem Hollywood jenseits von Cameron Diaz und James Cameron, demonstriert im Film überzeugend, dass sich seine Vorbereitung nicht auf Äußerlichkeiten beschränkt hat, wenngleich er für die Rolle 15 Kilo von seinem sonst eher massigen Rahmen abhungerte und bei Exilkubanern lernen musste, Englisch mit deren Akzent zu sprechen. Ob als glitzernder junger Schwuler im Nachtleben Havannas, als verstörter Häftling in der Einzelzelle oder vom Tod gezeichneter Heimatloser, man nimmt ihm seinen Charakter jeden Moment ab. Daneben fällt die eigentlich durchweg sehr solide restliche Besetzung kaum auf, einschließlich der beiden Gaststars, die dem Film auch außerhalb Spaniens zumindest etwas Aufmerksamkeit verschaffen: Johnny Depp in der Doppelrolle eines Transvestiten und eines cubanischen Militärs, Sean Penn in einem bis zur Unkenntlichkeit verwandelten Kurzauftritt.
Die 133 Minuten für "Before Night Falls" sind gut investiert, egal, ob man sich nur unterhalten, oder ein paar Denkanstöße zur allmählich in romantisierendes Vergessen geratenden Geschichte Cubas mitnehmen will. Dabei stört nicht einmal so recht, dass der deutsche Verleih in treffsicherer Einschätzung des hiesigen Publikums Aufwand und Kosten für eine Synchronisation gespart hat. In diesem Zusammenhang: es empfiehlt sich, die Kinoprogramme aufmerksam zu lesen - in die großen Säle schafft es der Film gewiss nicht.



