(William Gibson, 1984 - 1988) Sie glauben, das Internet in seiner heutigen Form sei eine recht neue Erfindung? Sie halten Tad Williams' "Otherland" für visionäre Science Fiction? Sie denken, die "Matrix"-Filme oder womöglich gar der unsägliche "Johnny Mnemonic", in dem Keanu Reeves 1995 schon mal den leeren Gesichtsausdruck üben durfte, seien revolutionäre Bahnbrecher? Weit gefehlt.

So gut wie sämtliche Cyberspace-Stories sind mehr oder minder bei William Gibson abgekupfert. Und schaut man sich die Entwicklung des Internets und seiner Auswirkungen mal in Ruhe an, kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, auch die Realität bediene sich gelegentlich bei ihm.
In einer nicht näher bezeichneten Zukunft: Nationale Strukturen sind nach einigen Kriegen rund um den Erdball weitgehend bedeutungslos geworden und halten nur noch in wenigen Bereichen so etwas wie Infrastruktur aufrecht. Die Wissenschaft hat einige vor allem technologische Quantensprünge vorwärts getan, was leider nichts daran ändert, dass die meisten Menschen mehr schlecht als recht in so genannten Sprawls vor sich hinwursteln, aus den heutigen Großstädten zusammengewachsenen Super-Ballungsräumen. Ohne Geld ist man nach wie vor auf der Verliererseite; die traditionelle Science Fiction-Idee von Wohlstand, Gesundheit und sauberer Umwelt für alle als Fortschritt hat sich erledigt. Wo's wirklich lang geht, bestimmen mächtige multinationale Konzerne. Der für deren und überhaupt fast alle Aktivitäten entscheidende Ort ist die Matrix, eine praktisch grenzenlose virtuelle Welt, deren durch Datenzentren und -ströme geprägte Struktur sich praktisch unmittelbar auf die Realität übertragen.
Na? Klingt das aus heutiger Sicht irgendwie verdächtig nach, sagen wir mal, so ungefähr 2025? Nicht vergessen, geschrieben hat Gibson das alles 1984, damals, als die Supermächte noch eine feste Größe waren, mit Computern nur IBM und das US-Militär rumspielten, und alle dachten, der technologische Fortschritt werde es schon irgendwann richten; bei "Inter" fielen einem nur norditalienische Fußballclubs und Shops an den Transitstrecken nach Westberlin ein, und zum Surfen musste man noch mit einem Brett auf dem Auto ans Meer fahren.
In dieser Umgebung treiben Gibsons Figuren ohne viel Einfluss auf ihre Schicksale, überwiegend Einzelgänger, die versuchen, nicht sang- und klanglos unterzugehen. Da gibt es Informationshändler, kybernetisch aufgerüstete Söldner, Konsolen-Cowboys, die in der Matrix zu Hause sind und versuchen, in fremden Systemen übermächtige Schutzvorrichtungen zu umgehen und wertvolle Daten abzugreifen. Außer Kontrolle geratene künstliche Intelligenzen verfolgen ihre eigenen Ziele, und manipulieren dafür ohne viel Federlesens die einstmals dominierende Lebensform Mensch.
Herausragend an Gibsons Neuromancer-Trilogie, die sich aus "Neuromancer", "Biochips" (im Original "Count Zero") und "Mona Lisa Overdrive" zusammensetzt, ist die oft kopierte und nie erreichte Mischung aus durch und durch stimmiger Zukunftsvision und ganz konventioneller Erzählung. Die Handlung bleibt immer spannend, die Charaktere überzeugend geschildert und dreidimensional; die Vision gewinnt noch zusätzliche Wirkung durch die unbestreitbare Tatsache, dass von der Veröffentlichung bis heute bereits vieles nachgerade unheimlich exakt so eingetroffen ist, wie sich Gibson es vorstellte - zu einem Zeitpunkt, als ein wesentlicher Unterschied zu irgendwelchen irrwirtzigen Raumfahrtgeschichten noch kaum auszumachen war.
Jedes einzelne Buch der Trilogie lässt sich auch ohne die anderen gut lesen, da die Handlungen in sich abgeschlossen sind und auch die Hauptfiguren wechseln. Andererseits - wer eines der Bücher gelesen hat, will meist sowieso auch die anderen, und knapp 25 Jahre nach dem Erscheinen bekommt man heute ohnehin das ganze in einem Taschenbuch bei Amazon hinterhergeramscht.



