:: Blickwendung.de   :: Hagen Reimer 
  :: Visier    :: Leinwand    :: Plattenteller    :: Regal  
Druckansicht Link versenden
I want to ride my bicycle,

I want to ride my biiiiike..., sang seinerzeit Freddy Mercury, Gott hab' ihn selig, und schilderte wie er genug hatte von Vietnam, Watergate, Star Wars und dem ewigen Gezerre um Schwarz und Weiß. Käme er heute nach München, wendete er sich mit Grausen ab und vielleicht dem Inlineskaten oder einfach zu Fuß Gehen zu.

Es mag in anderen Städten genauso sein, in München jedenfalls bringt Radfahren, der Einheimische sagt übrigens "Rrad'ln", auch wenn er es auf einer Ultra-highTech-Maschine für jenseits der 2000 Euro tut, in München also bringt diese Tätigkeit alles Schlechte im Menschen hervor - verblüffend, ist es doch per se eine lobenswerte Aktivität. Und genau das ist der Haken.

Der Radfahrer als solcher, und das - nota bene - schließt Radfahrerinnen ausdrücklich nicht ein, der Radfahrer also ruht fest im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit: Er spart Energie, er tut etwas für seine Gesundheit und, statistisch betrachtet, damit via Krankenkasse und Arbeitskrafterhaltung auch für die Volkswirtschaft, er stinkt nicht oder kaum, er macht keinen Lärm oder kaum welchen, und last not least verstopft er nicht die Straßen und hindert daher seine Mitbürger nicht am freien Fortkommen. Oder kaum. Angesichts all dieser Punkte auf der Haben-Seite seines Ich-bin-im Recht-Kontos nämlich vergisst der Radfahrer, den man in München übrigens "Radler" nennt, er vergisst, dass nichtsdestotrotz auch in ihm erhebliches Potenzial schlummert, für seine Umwelt zum Ärgernis zu geraten.

Seiner moralischen Unantastbarkeit sicher, benimmt sich der Radler wie die sprichwörtliche Axt im Walde: Er rast ohne jede Rücksicht auf den ihn umgebenden Verkehr, besonders der wenigen schwächeren Teilnehmer, da er sich mit Blick auf Kraftfahrer prinzipiell immer in einer latenten Opferrolle fühlt. "Halt!" höre ich da den Öffnet externen Link in neuem FensterADFC entrüstet rufen, "laut Unfallstatistik ist er aber meistens das Opfer!" Stimmt. Weil die Masse der kleinen (Um-)Rempeleien es mangels schwerer Folgen und mangels der Bereitschaft des Radlers, sich wie der Autofahrer dem Unfallpartner gegenüber auszuweisen und seine Versicherung zu bemühen, es nie in die Statistik schafft. Hinzu kommt wiederum die Überzeugung des Radlers, selbst primär Opfer zu sein und sich daher ohnehin permanent in einer Art Notwehrsituation zu befinden; passiert also doch einmal etwas, fährt der Radler zügig weiter, schließlich kann er seinen Überlebenskampf nicht wegen jeder Kleinigkeit unterbrechen. Wenn er nicht rast, schleicht der Radler als riskantes Hindernis für andere über Rad- und Fußwege, riskant, da er weder auch nur grundlegende Kontrolle über sein Gefährt erreicht, noch den kleinsten Gedanken an seine Umgebung verschwendet, und obendrein jederzeit abrupt und ohne erkennbaren Grund die Richtung oder die Geschwindigkeit ändert. Und zwar vor allem auf Radwegen, aber, ohne jede kleinkarierte Unterscheiderei, ebenso gern auf Fußwegen und Straßen, da ist der Radler, wie überhaupt tendenziell ein politisch korrekter Non-Konformist, ganz Demokrat.

Seine Unangepasstheit, sein Hang zu Rebellion, ist auch in anderen Ausprägungen besonderes Kennzeichen des Radfahrers. Ampeln und Verkehrszeichen haben für ihn bestenfalls informativen Charakter. Vorfahrt hat, wer sie sich nimmt, wenn auch zur Ehrenrettung nicht ungesagt bleiben darf, dass er diesen Punkt nolens volens vom motorisierten Verkehr lernen musste. Beleuchtung hält der Radlers für unnötigen Ballast, es sei denn, er gehört zur verbreiteten Subspezies der Equipment-Freaks - dann hat er entweder Original-Cateyes montiert, oder aber eine Dioden-Stirnlampe, ursprünglich von Petzl für Höhlenforscher entwickelt und in den letzten Jahren zum unentbehrlichen Utensil aller mutiert, die ganz sicher sein wollen, dass sie auch bei einem Stromausfall sicher ihr Bier aus dem dunklen Keller holen können. Equipment-Freaks sind die Überlebensgarantie für Zubehörhersteller und, willkommener Nebeneffekt, gewährleisten gleichzeitig, dass für die zwei oder drei Prozent derer, die wirklich eine HighTech-Ausrüstung nutzen können, diese auch bezahlbar bleibt. Im Stadtverkehr erkennt man sie im Zweifel nicht nur optisch (an der bunten Gore Bikewear), sondern auch akustisch (am charakteristischen Brummen ihrer grobstolligen Breitreifen).

Der natürliche Feind des Radfahrers ist zwangsläufig der Autofahrer, obgleich eine überraschende Menge streng genommen beides ist, ein spektakuläres Beispiel praktizierter Schizophrenie; kein Parkplatz im Naherholungsgebiet, auf dem am Wochenende nicht das rege Auf- und Abladen exklusiver Mountainbikes auf und von häufig ebenso exklusiven PKW zu beobachten wäre. Wie auch immer, der Autofahrer ist erklärter Lieblingsgegner, und ganz besonders der, der den Allradantrieb und die absurde Bodenfreiheit seines Sports Utility Vehicles (SUV) in erster Linie nutzt, um Randsteine zu überwinden und dann auf Radwegen zu parken, in der Annahme, einem dynamischen Outdoor-Abenteurer wie ihm verzeihe jedermann mit einem verständnisvollen Augenzwinkern seine Rüpelhaftigkeit - mehrfach fälschlich. Da tut sich eine erstaunliche Parallele auf, die bisweilen synergetische Züge annimmt: Der selbe geniale Marketing-Coup wie in Sachen SUV ist der produzierenden Wirtschaft zuvor bereits mit dem Mountainbike (MTB) gelungen - Zufall? Test? Wette zweier angetrunkener Sales-Manager? SUV wie MTB sind aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken, aber in der Umgebung, für die sie vorgeblich konzipiert wurden - unwegsames oder wegloses Terrain - nur als Rarität anzutreffen. Die erwähnte Synergie treffen wir wieder auf unserem Parkplatz an: ein perfektes Image pflegt der Autofahrer, der sein SUV nutzt, um sein MTB auf den - nicht asphaltierten! - Parkplatz zu schaffen, von dem aus er dann waghalsige Touren von bis zu fünf Kilometern auf extremen Radwegen startet, die zuweilen kaum drei Meter breit sind und Steigungen von bis zu einem Prozent aufweisen.

Hoppla. Zuviel Schwung bekommen. Nun gut: Es gibt auch andere. Zum Beispiel Radlerinnen, oder zumindest viele unter ihnen. Und solche, die nicht ständig mit gesenktem Kopf fahren, weil sie nach hinten peilen, um festzustellen, auf welchem ihrer neun Ritzel die Kette aktuell weilt, sondern mit offenen Augen vorausschauen. Oder solche, die mit ihrem MTB tatsächlich befestigte Wege verlassen. Übrigens, Sie haben's sicher geahnt, ich bin stolzer Besitzer zweier Räder. In München. Ähem.

Facebookgoogle.comVZMister WongTwitteraddthis.comdel.icio.usstumbleupon.com
zur Startseite