Das musste wohl so kommen: Ist man mehrfach gründlich mit den Telefon- und Online-Absplitterungen der früheren Deutschen Bundespost (ja ja, so hieß die mal) zusammengerasselt, ist nun das Kerngeschäft dran.

Früher war das ja so: Jemand schickte einem ein Paket, das brachte dann der Briefträger, der auch die Briefe brachte (daher der Name). War man nicht da, hinterließ er's beim Nachbarn oder hing eine orange Karte an die Tür, man möchte doch mal kommen und es abholen. Heute ist das, dank Roland Berger und seiner parasitären Branche, ganz anders. Muss es sein, weil: heute managet man lean, optimiert Prozesse und benutzt eine sauteure SAP-Applikation, die nie richtig funktioniert. Eines der Ergebnisse ist meine Packstation.
Dass ich sowas habe, habe ich auch heute erst erfahren, muss aber stimmen. Im Briefkasten war nämlich eine Karte von der DHL, ich solle mich doch bitte zu meiner Packstation bewegen und mein Paket abholen. Das ginge rund um die Uhr und wär' auch gar nicht schwer, "wie's geht, erfahren Sie auf der Rückseite." Da steht allerdings nur, ich solle an der Packstation den Anweisungen auf dem Bildschirm folgen.
Nix wie hin also zu der angegebenen Postfiliale. Da beeilt man sich besser, schließlich werden die ja heutzutage im Zuge von Verschlankungen reihenweise dicht gemacht. Angekommen sehe ich allerdings weit und breit keine Packstation, schau' bei der Gelegenheit mal in alle Nebenflure, nett haben die's hier (wussten Sie, dass es bei der Post öffentliche Toiletten gibt?), nur: Wo ist die verfluchte Packstation? Zum Glück ist es nicht rund um die Uhr, sondern kurz vor sechs, also kann ich einen Schalterbeamten, nein, - Angestellten, ach je, nee klar, einen Counter Manager fragen. Der raunzt mich an, die gesuchte Packstation (von "meiner" ist nicht schon mehr die Rede) sei die längliche, nicht die runde. Hä?!? Ein Wort gibt das andere, aber nach rund fünf Minuten weiß ich trotzdem: rechts raus, einmal ums Gebäude, stehen eine runde und einen längliche Packstation, letztere ist die Nummer 204, und zwar nicht meine, aber immerhin für mich zuständig.
Wie schön.
Da angekommen, brauche ich bei Graupelschauer und im Dunkeln tatsächlich kaum fünf Minuten, um in emsiger Kommunikation mit einem Touchscreen* alle Formalitäten hinter mich und das Paket an mich zu bringen. Nun muss man wissen, dass ich gewissermaßen von Amts wegen mit neuen Medien nicht völlig unvertraut bin, aber, denke ich bei mir, wenn ich mir hier so meinen Vater vorstelle... oder auch nur meinen Bruder... weia. Und was beobachtet mich eigentlich das alte Mütterchen da vorne (bei der runden Packstation) weiter ständig so angestrengt? Da kommt sie auch schon auf mich zu.
Fragt im vertrauten Spätaussiedler-Deutsch, ob sie mal fragen dürfe, also sie hätte gerade gesehen, dass ich da tatsächlich ein Paket rausgekriegt hätte, Bravo, für sie gäb's ja auch eins, da aber nix zu machen, seit 20 Minuten versucht sie das jetzt. Ich rede der Frau gut zu, man ist ja hilfsbereit, auch bei Graupelschauer im Dunkeln, her mit der Karte, lassen se mich ma' ran da, ha'm wir gleich. Pustekuchen. Bis zum Scannen* des Barcodes* alles bestens, dann schmeißt uns das System mit dem Hinweis raus, hier gäb's nichts passendes. Oma wird immer nervöser, erzählt von ihrem Päckchen, Gott, ist alles so schwierig heute, während ich die Karte nochmal studiere und feststelle, sie ist überhaupt mal vom Start weg gleich an der falschen Post. Undankbare Sache, das: nun muss sie sich auf den Krückstock schwingen und zur nächsten Post dackeln. Bei Graupelschauer im Dunkeln.
Über 900 von den vermaledeiten Dingern gibt es schon im Land, 1.500 sollen noch kommen, und nur, weil es - angeblich - Kosten spart. Ob das tatsächlich so ist, wird sich erst in einigen Jahren zeigen, aber es wäre nicht die erste glänzende Prozessoptimierungsidee, die sich als grandios teurer Reinfall erweist. Billig sind die Dinger wohl ohnehin nicht gerade, sowas muss erst mal entwickelt, gestestet, produziert, installiert, beim Personal eingeführt, geputzt, gewartet werden, schreit geradezu nach höchst unterhaltsamen abendlichen Späßchen müßiggehender Jugendlicher (haben Sie mal einen China-Kracher in einem geschlossenen Blechfach hochgehen lassen? Spitze!).
Halt, ruft da der Berger Roland, aber der Kunde kann rund um die Uhr kommen und muss nicht am Schalter warten. Blödsinn, entgegne ich, ich bin zwar (zum Glück!) kein Unternehmensberater, aber so aus dem Bauch raus: Gehe ich etwa um Mitternacht Pakete holen, nur weil ich könnte? Und a propos Könnte: Könnte man für den ganzen Schotter nicht auch einfach noch jemand einstellen, damit die Schlange am Schalter nicht so lang wird? Und könnte es sein, dass hier mal wieder mit viel Schwung Prozesse optimiert werden, die eigentlich ganz okay funktionieren, dass dafür aber Arbeitsplätze aus der Post verschwinden und sie selbst wieder ein Stück aus der Fläche
*1: wenn man das Ding in Deutschland erfunden hätte, hieße es "Berührungsbildschirm"
*2: wenn man das in Deutschland entwickelt hätte, hieße es "Abtasten"
*3: wenn... schon gut: "Strichkode"
*4: hat man aber nicht



