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Falsche Zeit, falscher Ort

Freitag Mittag auf dem Heimweg von der Arbeit habe ich einen schweren Fehler gemacht und mich willkürlich auf Konfliktkurs mit dem Gesetz begeben. Gehe einfach am hellichten Tag durch das Münchner Bahnhofsviertel, wo man doch schon wegen der Kameras weiß, dass da so ein Ding, so ein Ruheraum für Terroristen oder was ist.

Und wenn ich da aus purem Übermut trotzdem völlig verantwortungslos rumrenne, habe ich mir die Folgen selbst zuzuschreiben und nachher nix rumzujammern, könnt' ja sonst jeder spazierengehen, wo's ihm grad passt. Nichts da: Beckstein, Beckstein, alles muss versteckt sein.

Biege ich Depp, ich damischer, auch noch in eine Seitenstraße ein, da klingt dann schon sowas mit wie vom rechten Weg abweichen. Das ganze zu allem Überfluss in meinem besten Terroristen-Outfit: saubere Jeans, Trekkingschuh, GoreTex-Jacke (schwarz!), eine Wollmütze auf dem Schädel (hart an der Grenze zur Vermummung), rasiert, eine Filterzigarette ("Filter" hier im Sinne von "offensichtlich kein Joint") im Gesicht und den MP3-Player im Ohr. Da stehen drei seltsame Gestalten an einem schwarzen Ford, "Gott", denk' ich, "die hauen mich jetzt gleich mit 'ner Mords-Smirnoff-Fahne um Kleingeld oder Kippen an", also lieber sauber zum Ausweichbogen angesetzt und starr geradeaus geguckt.

Weit gefehlt. Wie ich in meinem sauberen Bogen vorbei gehe, sagt einer von denen was und, weil ich a) das natürlich nicht verstehe und b) weder Kleingeld noch Kippen rausrücken wollend zügig weitergehe, greift er mir an den Ärmel. Im Gegensatz zu meinem Äußeren erkennt man an seinem gleich den Bahnhofsviertel-Loser: der Brille nach mindestens 6 Dioptrien, blaue Windjacke, 85 Kilo auf knapp 1 Meter 70, allein schon für den dürfte das schöne Wort "vierschrötig" eigentlich nicht aussterben. Und dann sagt er "Polizei, Ausweis!" Kann natürlich gar nicht sein, solche Kasperl beschäftigt unsere Polizei nicht, und so wie der sich anstellt, würde sowieso jeder halbwegs anständige Terrorist gleich den Bürgersteig mit ihm fegen, also ich: "So sehen Sie gar nicht aus, kann ich erst mal Ihren Ausweis sehen?" Er hat einen, vom Öffnet externen Link in neuem Fensterbayerischen LKA. Den darf ich aber trotz des abgeblätterten Fotos und der verblichenen Schrift nicht anfassen, weil: "Schau'n tun's ned mit die Finger, schau'n tun's mit die Augen!" Okay, kriegt er meinen Ausweis, nur will ich wissen "gibt's da jetzt einen bestimmten Grund für?" Klar, den gibt's: "Weil's am Bahnhof san."

Nun ist der Bahnhof eigentlich schon gut 200 Meter hinter mir, und dazwischen die Schwanthaler-Straße, wo sie vierspurig mit 80 durchsemmeln und die Mafia jeden Morgen mit dem Benz-Sprinter generalstabsmäßig organisiert rumänische Bettler an den strategisch gewählten Ecken absetzt, aber gut, wollen wir nicht Haare spalten, nur "Ich und zehntausend andere, oder?" Ja, räumt er wortkarg ein, mag schon sein, bloß "um die zehntausend anderen geht's da ned." Da hat er Recht, und gibt meine Daten per Handy an die Zentrale oder das LKA oder sonstwen durch, während die beiden illegalen Einwanderer/Drogenhändler/Terroristen/oder womöglich andere Kollegen in Zivil? regungslos zusehen. Bis schließlich der Freispruch kommt: "Das war's schon."

Schwein gehabt, nochmal. Zwar ist es vermutlich nicht wirklich okay, dass ich da mir nichts, dir nichts, einfach langgelaufen bin, aber der Staat drückt nochmal ein Auge zu - nicht gerade höflich, okay, da war weder ein Guten Tag, noch ein Entschuldigung, noch ein Danke, aber wenigstens hat er mich nicht gleich eingebuchtet wegen Aufenthalts in einer... ähhh... na, da wo sie nicht wollen, dass da alle rumlaufen halt!

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