(T. C. Boyle, Viking 2003) T. C. Boyle ist ein offenbar ziemlich schräger Vogel, der mit einer Reihe unkonventioneller Bücher seinen amerikanischen Mitbürgern den Spiegel vor die Nase hält. Was er dabei zeigt sind weniger historisch bedeutende Ereignisse oder die bekannten mittleren politischen Erdbeben von Kennedy über Vietnam bis zur Dirty Harry-Show im mittleren Osten, sondern all die weniger spektakulären gesellschaftlichen Zustände, ...

... die derlei Macho-Trips und den Hang zu Cowboy-Präsidenten überhaupt erst möglich machen. "The Road To Welville" etwa zeigte das Paradoxon zwischen dem Kniefall vor ungehemmtem Unternehmertun und hypochondrischer, mit Schuldkomplexen beladener Nabelschau, "The Tortilla Curtain" das zwischen dem ungehemmten, verfassungsmäßig zementierten Streben nach dem eigenen Glück - Synonym für materiellen Wohlstand - und, man errät's, hypochondrischer, schuldbeladener Nabelschau.
"Drop City" zeigt das Paradoxon zwischen der fixen Idee der Amerikaner, seit der Pionierzeit die Fähigkeit zum Überleben in der Natur in die Wiege gelegt zu bekommen und der offenkundigen Unfähigkeit, ohne den dicken Schutzmantel der Zivilisation auch nur ansatzweise eine Chance zu eben diesem Überleben zu haben. Demonstriert wird das an einem weiteren Phänomen, mit dem Boyle, der 1968 seinen Hochschulabschluss machte, offenbar gründlich eigene Erfahrungen gemacht hat: Die Hippiebewegung. Die Protagonistin "Star" ist dem miefigen Zuhause der amerikanischen Suburb-Mittelklasse entflohen, um in der kalifornischen Aussteiger(= Drop Out)-Kommune Drop City mit den gleichgesinnten Schwestern und Brüdern den Weg zu Freiheit, Friede und überhaupt der Harmonie mit dem Universum zu finden.
Peu à peu dämmert es ihr, dass dabei nicht alles ist, was es zu sein scheint - freie Liebe entpuppt sich im Einzelfall als clevere, weil quasi moralisch bindende, Beischlafgarantie für unattraktive Typen; der Pazifismus endet da, wo es um das Durchsetzen eigener Ansprüche geht; die Freiheit und Abkehr von konventionellen Normen schließlich bedeuten für viele primär die Chance, sich für lau durchzufressen und zu -kiffen sowie den Abwasch anderen zu überlassen.
Als die örtlichen Behörden sich nach einigen Zwischenfällen anschicken, den Saustall gründlich auszumisten, machen sich der wohlhabende Gründer Drop City und ein paar unentwegte auf den Weg nach Alaska, um dort endlich im Einklang mit der Natur das wahre Glück zu finden. Statt dessen stoßen sie, wie zu erwarten, auf harte Arbeit, eine Natur, die sich einen Dreck um Ideologie schert, und natürlich hartgesottene Einheimische, die ihrerseits die in einer solchen Umgebung notwendigen Eigenschaften längst verinnerlicht haben.
Was nun folgt, ist eine angenehme Überraschung: Boyle umgeht souverän jede Versuchung, die Erwartungen des Lesers mit Klischees und Stereotypen zu bedienen. Er beobachtet, beinah distanziert, aber mit einen gewissen Verständnis für die Irrungen der Hippies, was sich so in der einen oder anderen Kommune wirklich zugetragen haben mag - sie sind gezwungen, ihre Ideale der Realität anzupassen, aber erledigen dies mit einem Minimum an Rückgrat, sie scheitern im Detail, aber nicht in der ganzen Sache, sie werden erwachsen, aber nicht wie ihre Eltern. Und vor allem: weder tötet der aus etwas zäherem Holz geschnitzte Freund Stars (solch bürgerlichen Status kann man nach einer Weile wieder erlangen) den Bären souverän mit einem Schuss, noch erledigt der Bär ihn, noch reißt ein qualvoller Tod des edlen Tiers den jungen Mann in abgründige Gewissenskonflikte - an Stelle dieser wohlfeilen Optionen wählt Boyle, das mag als Beispiel für seine Darstellung genügen, etwas durch und durch realistisches: der erste Schuss verletzt den Bären, der greift an, der stolze Jäger nimmt Reißaus, der Bär lässt's dabei bewenden und trollt sich verletzt in den Urwald.
Was will uns Boyle damit sagen? Selber lesen.



