(Alejandro González Iñárritu, F/USA/Mexiko 2006, 143 Minuten) Wenn man nicht so recht weiß, wie man einen Film nun eigentlich gefunden hat, gibt es einen nützlichen Begriff für die Besprechung: 'sehenswert'. Babel, nach "Amores perros" und "21 Gramm" dritter Teil einer irgendwie und doch nicht so recht zusammenhängenden Reihe des mexikanischen Ausnahmeregisseurs Iñárritu, ist exakt so ein unsicherer Kandidat - keinesfalls 'schlecht', auch nicht so richtig 'gut', aber ganz gewiss 'sehenswert'.

Wie von Iñárritu zu erwarten, handelt es sich bei "Babel" jedenfalls nicht um leichte Kost. Mehrere Handlungsstränge entwickeln sich in zeitlich und örtlich durcheinander gewürfelten Ausschnitten nebeneinander her, bis sich irgendwann die zugrundeliegende Verbindung zeigt. Dass es die gibt, ist von vornherein klar, also kann man keine Effekthascherei kritisieren; trotzdem beschleicht den Zuschauer nach einer Weile das Gefühl, dass der Schwerpunkt von "Babel" eher auf seinen formalen Qualitäten liegt, weniger auf rücksichtslos daher kommenden Emotionen, wie sie ihn in "Amores perros" überrollten.
Das amerikanische Ehepaar Jones (erwartungsgemäß gut: Brad Pitt und Cate Blanchett) versucht beim Urlaub in Marokko seine brüchige Beziehung zu kitten. Ein Schuss aus dem nirgendwo trifft die Frau und verletzt sie schwer, was dieses Anliegen nicht einfacher macht. Ihre Kinder werden derweil daheim in San Diego notgedrungen von ihrem mexikanischen Kindermädchen mit über die Grenze zu einer Hochzeit genommen, Kulturschock und Rückkehrprobleme inbegriffen. Die nicht nur wegen ihrer Taubheit isolierte Tochter eines reichen japanischen Geschäftsmanns sucht verzweifelt nach menschlichem Kontakt. Eine marokkanische Bauernfamilie kauft ein teures Gewehr, um ihre Ziegen gegen Schakale zu verteidigen.
Sehenswert ist der vielfach ausgezeichnete Film, weil Iñárritu mit gewohnt souveräner Hand eine Geschichte erzählt, die man so in den Klischeekisten der Branche vergeblich sucht. Eine Reihe durchweg hervorragender Schauspieler, die einwandfreie Kameraarbeit und beeindruckend eingefangene Schauplätze runden das Ganze ab. Vor Langeweile muss sich in den immerhin knapp zweieinhalb Stunden niemand fürchten.
Zwiespältig wird es hingegen bei der Aussage. Im Gegensatz zur Masse seiner Kollegen hat Iñárritu den Anspruch, in seinen Filmen eine solche zu transportieren; das ist an sich ein ehrbares Unterfangen, birgt aber ein erhöhtes Fehlschlagrisiko. "Babel", für Begriffsstutzige unterstrichen durch die Tagline "Listen", heißt so, weil es um das grundlegende menschliche Problem fehlender oder fehlerhafter Kommunikation geht: Wer nicht zuhören kann oder will, wird auch nicht verstanden, und die Folgen können, wenn's dumm läuft, verheerend sein.
So weit, so gut. Das Dumme ist bloß, dass, viel Feind, viel Ehr', dieses interessante Thema äußerst schwer umzusetzen ist. Klar, die Jones' schaffen es nicht miteinander über ihre Probleme zu sprechen; zwischen ihren Kindern und den Mexikanern stehen kulturelle und sprachliche Barrieren; das japanische Mädchen ist taub (Zaunpfahl!) und hat daher auch nie sprechen gelernt; ihr Vater bleibt, vermutlich aufgrund des im Dunkeln liegenden Selbstmordes der Mutter, gleichfalls faktisch sprachlos.
Was aber ist mit den Marokkanern? Was damit, dass die Jones-Kinder immerhin vom Kindermädchen gelernt haben, sich auf Spanisch zu verständigen und ihre Grenzüberquerung eigentlich nur daran scheitert, dass deren betrunkener Neffe sich überschätzt? Ist es nicht reichlich banal, dass die japanische Kultur offene Kommunikation (nach westlichen Maßstäben) unterdrückt, und eine physische Behinderung diesen Umstand nicht gerade zu bewältigen hilft? Und dass CNN den Zwischenfall am Ende der Welt schon überall auf ebendieser verbreitet (natürlich verzerrt), während vor Ort noch nicht einmal ein Krankenwagen angekommen ist? Was sollen wir mit der unvermeidlichen Erkenntnis anstellen, dass die Folgen ausbleibender Kommunikation zwar unbestritten verheerend sein können, meistens aber völlig unspektakulär bleiben? Und muss das sein, dass die Eheleute Jones angesichts der Todesgefahr mit einem Mal die Sprache wiederfinden, der - zum Glück einzige - Griff in die oben erwähnte Klischeekisten?
Mit diesen Fragen bleibt der ehrbare Anspruch zwar nicht völlig stecken, verheddert sich jedoch in nicht zu Ende gebrachten Ansätzen. Das lässt den Film durchaus nicht scheitern, sein volles Potenzial aber erreicht er auch nicht - 'sehenswert' eben.



