Verantwortung ist ja oft eine schwere Last, fragen Sie mal einen hohen Politiker oder einen Top-Manager. Uns Normalbürgern ist sie nicht ganz so schwer, die Last, eher lästig.

Deswegen so erfolgreich setzt sich klammheimlich ein Trend durch, der nachdenklich stimmte, wenn nur das Nachdenken nicht auch wieder so lästig wäre: man lehnt und gibt Verantwortung ab, wo immer sich das machen lässt, mit freundlicher Unterstützung aller denkbaren Verantwortungsnehmer; letzteres übrigens ein Job, den der große bayerische Visionär und Volkssoziologe Gerhard Polt schon vor Jahren als zukunftsweisend identifizierte.
Und so versichert man sich emsig gegen alles, wofür man früher einmal selbst die Verantwortung trug: Hausbrand, Unfall, Krankheit, Diebstahl, Ungezieferbefall und vorzeitigen Haarausfall. Damit nicht genug, schiebt man aber man auch in weniger eindeutigen - weil formal nicht versicherbaren - Fällen die Verantwortung von sich, wobei dann das eine oder andere clevere Unternehmen außerhalb der Versicherungsbranche zum Zuge kommt. Ein SUV beispielsweise enthebt seinen Fahrer wirkungsvoll der Verantwortung, aktiv Kollisionen mit anderen mobilen und immobilen Gegenständen zu vermeiden; ungehemmter Fernsehgenuss der fürs selber Denken, ein Radlhelm der fürs Umsehen vorm Abbiegen, eine Supernanny der für den eigenen Nachwuchs, ein Warnblinker der für die Parkplatzsuche und ein BILD-Abo der für eine eigene Meinung.
Der letzte perfide Geniestreich stammt ausgerechnet von der an für sich halbwegs respektablen Süddeutschen Zeitung. Vor einigen Monaten, oder waren’s schon Jahre, egal, jedenfalls brachte sie angesichts sinkender Einnahmen die Idee hervor, über die vorhandenen so eine Art Allgemeinbildung To Go zu verkaufen. Die Bevölkerung, wen wundert’s, rannte den Zeitungsbuden vor Begeisterung die Türen ein, und seither gibt’s wenig, was es nicht gibt: die 50 liebsten Filme der SZ-Kinoredaktion, die Highlights aus fünfzig Jahren Popmusik in einer 50-bändigen Buchreihe mit 50 Musik-CDs und 1.000 Songs, 14 große Klassik-Pianisten auf 20 CDs, 47 Werke der Weltliteratur, Rockgeschichte in ich weiß nicht wie viel Bänden pro Jahrzehnt einschließlich CD, seit kurzem die 50 zweitliebsten Filme der SZ-Kinoredaktion - und so geht das vermutlich ewig weiter. Das Erfolgsrezept ist so simpel wie verlockend: Eine vernünftige Allgemeinbildung hätte jeder gern, aber wenn man selbst die Verantwortung dafür trägt, wird das schnell anstrengend, zumal man sich ja selbst nicht immer das Urteilsvermögen darin zutraut, was denn nun eigentlich dazu gehört.
Die Verantwortung dafür nehmen einem die SZ-Redaktionen mit ihren Reihen schnell und obendrein wirklich preisgünstig ab, lean education gewissermaßen, und wenn die nicht wissen, was im jeweiligen Kulturbereich zu einer runden Allgemeinbildung gehört, ja, wer dann?!? Schließlich ist das verdammt noch mal ihr Job! Eine weitere Sicherheit gibt es obendrein gratis dazu (jeder Versicherungsvertreter würde sich die Hände reiben): Gesetzt den Fall, dass selbst die Kulturredakteure der SZ nicht unfehlbar sind, macht das genau betrachtet auch nichts, weil sie nun mal zu denen gehören, die überhaupt bestimmen, was zur Bildung gehört und was nicht.
Hut ab: seit den Zeiten, als Möchtegern-Bildungsbürger ihren funktionalen Analphabetismus vergeblich mit als Buch getarnten Videohüllen zu kaschieren versuchten, ist das Marketing Lichtjahre vorangekommen.



