(Martin Scorsese, USA 2002, 165 Minuten) Leonardo DiCaprio drängt mit Wucht zurück auf die Leinwand: Nach seinem Aufschwung im Kielwasser der Titanic und einer angemessen Phase zum Ausleben adäquater Jungstar-Allüren zieht es ihn nun, erwachsener geworden, wieder vor die Kamera.

"Catch Me If You Can" ist mit Spielberg als Regisseur und Hanks als Partner ein todsicherer Kommerzgarant, "Gangs Of New York" hingegen soll vermutlich als Probe seines Könnens als ernstzunehmender Schauspieler dienen - und verfehlt sein Ziel um Längen. Regisseur Martin Scorsese (Taxi Driver, Raging Bull, Casino) hat maßgeblich an Robert DeNiros Entwicklung zur Schauspiellegende mitgewirkt, DiCaprio kann auch er zu diesem Zeitpunkt nicht zu einem Charakterdarsteller machen.
An den Zutaten liegt es nicht. Gangs Of New York schildert perfekt inszeniert das New York des amerikanischen Bürgerkriegs. Scorsese zeigt Mut, indem er geradezu genüsslich die Kehrseite des Schmelztiegels beleuchtet: das Misstrauen zwischen "Alt"-Eingesessenen und Neuankömmlingen, Korruption, Manipulation und Missbrauch demokratischer Ideen, Gewalt als legitimes Mittel zum Zweck. Parallelen zur Bush-Administration drängen sich förmlich auf: "Wahlen werden nicht durch von Stimmen entschieden, sondern von denen, die sie zählen" sagt ein Würdenträger; frischgeworbene, überrumpelte Soldaten schiffen sich an einem Kai ein, während am anderen die Särge ihrer Vorgänger an Land gebracht werden; Geld ist alles, Moral nur die Fassade, hinter der es sich umso ungenierter zusammenraffen lässt. Als der Mob gegen den Kriegsdienst protestierend durch die Straßen tobt, eröffnet das Militär wahllos das Feuer. Gleichzeitig kämpfen verrohte Gangs in blutrünstigen Szenen, die an Schlachten wilder Stämme erinnern, um die Macht im Viertel. Vor diesem Hintergrund sucht Amsterdam Vallon (DiCaprio) einen Weg, seinen Vater (Liam Neeson) an 'Bill 'The Butcher' (Daniel Day-Lewis) zu rächen, der ihn in einem früheren Gemetzel abgeschlachtet hat.
Der Plot könnte also fesseln, zudem lernt der überraschte Zuschauer historische Zusammenhänge, welche die Amerikaner offenbar lieber im Dunkeln lassen. Auch filmisch stimmt das Niveau, von der authentisch wirkenden Szenerie bis hin zur hervorragenden Kameraarbeit Michael Ballhaus'. Day-Lewis ("Im Namen des Vaters") zeigt in der Rolle des psychopathisch-sympathischen Butchers erstaunliche Wandlungsfähigkeit und Überzeugungskraft. Alles, was den hohen Anspruch des Films scheitern lässt, muss man nolens-volens DiCaprio zuschreiben: Auf Mädchenschwarm abonniert, muss er natürlich eine Liebesgeschichte erleben. Die Auserwählte ist Jenny Everdeane (Cameron Diaz), und so nimmt das Schicksal seinen Lauf - Scorsese lässt verwickelt sich in ausgiebige Klischees, deren Schilderung nicht nur schnell langweilig wird, sondern dabei auch das eigentliche Thema in den Hintergrund drängt, und den Film obendrein auf beinah drei Stunden dehnt.
DiCaprio gibt sein Bestes. Zumal aber Day-Lewis fortwährend vorexerziert, wie man in eine völlig fremde Person schlüpft, reicht das Beste einfach nicht ganz. Er blickt finster drein, er keucht, er schwitzt, prügelt, blutet, stöhnt von inneren Konflikten gepeinigt auf... und kann dem Zuschauer dabei keinen Moment seine Figur lebendig machen. Unwillkürlich fragt man sich, wann es ihm endlich gelingen wird, sein Potenzial über das unglückselige Lover-Image zu hieven. Dass er spielen kann, hat er bereits vor Jahren bewiesen - in der Rolle eines geistig zurückgeblieben Teenagers in "Gilbert Grape", der noch nicht wusste, dass sein Foto bald die Mädchenzimmer der Welt erobern würde.
"Gangs Of New York" ist kein Film, von dem wirklich abzuraten wäre. Day-Lewis, Ballhaus und die Routine Scorseses retten den Abend, gemeinsam mit dem historischen Hintergrund und dessen aktuellem Bezug. Aber: wer mit feuchten Händen jede Minute der "Good Fellas" oder gebannt DeNiros Wandlung in "Raging Bull" verfolgt hat, dessen Erwartungen bleiben unerfüllt.



