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Sartre war Bahnfahrer

In Politik und Wirtschaft streitet man ja derzeit gern, ob die Bahn nun an die Börse gehört oder warum nicht, mit oder ohne Schienen, unter oder trotz Mehrdorn und überhaupt. Von den Preisen spricht längst niemand mehr so recht, braucht's doch dafür mindestens Diplom-Mathematiker mit Zweitdiplom in Philosophie.

Über all dies gerät allerdings ein anderer Aspekt schneller in den Hintergrund, als Transrapids aus den Gleisen springen: Der Service. Ursprünglich sollte der mit der Privatisierung in konkurrenzfähige Höhen emporklimmen, jetzt macht sich beim Kunden nach jahrelanger Abnutzung durch bockloses Personal flächendeckend Resignation breit: "Hat ja eh' alles kein' Zweck."

Von Frankfurt nach München fährt man als aufgeklärter Mensch heute mit dem ICE. Das kostet zwar stolze 167 Euro, manchmal auch nur 43, oft 127 und in manchen Fällen auch mal 1.024, je nachdem, ob und welche Bahncard man hat, wen man fragt, ob der Service-Kontakt im Call Center oder direkt am "Service-Point" im Bahnhof gut gefrühstückt hat, ob man ein oder fünf Jahre vorausbucht, online oder am Schalter, mit Abholung oder Selbstausdrucken, alternativ auch per "Bahntix". Egal, man fährt also ICE, weil der komfortable Wagons hat, "Gastro-Service", und die Strecke in knapp dreieinhalb Stunden zurücklegt. Theoretisch.

Vorkommen kann es allerdings auch, dass die eine oder andere Kleinigkeit dazwischen kommt, zum Beispiel am neunten November 2006. Da steigt man um 16 Uhr 50 ein, und um 17 Uhr 28 in Mannheim um, von wo aus man dann gemütlich und schnell nach München flitzt, um dort um 20 Uhr 30 entspannt einzutreffen. So zumindest der Plan, der sich allerdings schon bei Abfahrt wegen einer Gleisstörung verzögert. Die Schaffnerin weiß auch nicht so recht, ob man dann in Mannheim den Anschluss bekommt, aber na ja, klar, schließlich will ja auch nicht sie nach München. Der Zug jedoch wartet, bis Stuttgart klappt alles wie am Schnürchen, kurz vor Ulm allerdings hält man auf freier Strecke, Überraschung: Wegen einer Gleisstörung. Die scheint im Schritttempo vor dem Zug herzuschleichen, denn so geht's eine runde Stunde weiter bis zum Hauptbahnhof Ulm. Mit dreieinhalb Stunden ist zu diesem Zeitpunkt natürlich längst Essig.

Wegen einer Gleisstörung, informiert eine Durchsage, wird sich die Weiterfahrt um etwa 20 Minuten verzögern. Ein dreiviertel Stündchen später korrigiert "Ihr Zug-Chef" widerstrebend, erstens handelt's sich wohl doch eher um einen Personenschaden, zweitens kann sowas ganz schön dauern, drittens werden wir deshalb in Kürze über Nörtlingen umgeleitet, so dass wir viertens Augsburg mit 90 bis 120 Minuten Verspätung erreichen werden. Wieder etwas später stellt sich das als Irrtum heraus, wir bleiben in Ulm. Und zwar so richtig. Es ist kurz vor 21 Uhr, als zunehmend unruhige Passagiere erfahren, dass sie sich mal nicht so aufregen sollen, um fünf nach geht's weiter. Vorher kommt noch ein Service-Mitarbeiter, der kostenlos Mineralwasser verteilt, allerdings nur bis der Karton zwei Reihen vor einem selbst leer ist; dann grummelt er was von "a neus hola" und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Andererseits ist das vielleicht ganz gut so, denn mittlerweile haben sich Schlangen vor den Toiletten gebildet, deren Wassertanks im übrigen seit einer Weile leer sind.

Um 21 Uhr fünf tut sich erwartungsgemäß gar nichts, und dem tapferen Durchsager ist wohl auch allmählich unwohl, jedenfalls schweigt er beharrlich. Bis etwa 22 Uhr, als er uns erklärt, er wisse auch nichts neues, aber wenn irgendein Zug irgendwann Richtung München rollt, dann wird das ganz sicher unserer sein. Diese Ansage wiederholt sich um 22 Uhr 30 und eine halbe Stunde später. Kurz darauf korrigiert sie sich: Zwei Gleise weiter steht einer von unterdessen vielen weiteren ICE nach München, der nach neuestem Stand als erster losdarf. Kennen Sie eigentlich diese historische Aufnahme, die zeigt, wie der letzte US-Hubschrauber unter dem Feuer der Nordvietnamesen vom Dach der US-Botschaft in Saigon abhebt? Nix dagegen. Aber um 23 Uhr 10 fahren wir unter lautem Jubel wirklich los und kommen um ein Uhr früh auch an.

Was um alles Welt hat das nun mit Sarte zu tun? Das kann eigentlich, verzeihen Sie die offenen Worte, an dieser Stellte nur ein phantasieloser Ignorant fragen. Stellen Sie sich mal einen Zug vor, der dreieinhalb Stunden in einem Bahnhof steht und peu à peu ein vielfaches seiner Passagierzahl aufnimmt. Stellen Sie sich mal vor, wie man als Reisender in so einer Situation reagiert: Als erstes macht man sich ungeniert auf den nach Körpermaß des zwergwüchsigen Hartmut Mehdorn berechneten und das um sich greifende Übergewicht ignorierenden Sitzen so breit wie möglich; dann holt man ein Handy heraus, um im 20 Minuten-Takt die gesamte Verwandschaft (und als Kollateralschaden den ganzen Wagon) über sein Martyrium zu unterrichten; dazwischen belästigt man die Umsitzenden mit an Dümmlichkeit schwer zu überbietenden Theorien und Geschichtchen über die Ursache der Wartezeit, über frühere Reisen, über seine persönliche Meinung zum Zeitpunkt der Weiterfahrt, über seinen Bruder, der in München bei der U-Bahn-Wache arbeitet und a immer dena Selbstmörder von die Gleis' kratz'n muass, über den Grund, warum man jetzt auf dem Laptop fernsehen könnte, wenn's denn nur funktionieren würde und dergleichen schwer erträgliches mehr. Akzente in diesem verbalen Treibsand setzen Einzelne wahlweise mit besonders nervigen Witzchen und lauthals gackerndem Lachen über dieselben, mit Aufreißversuchen gegenüber weiblichen Sitznachbarn und mit wütendem, an niemanden im Besonderen gerichteten Protest: "Des is' do' a Unverschämtheit, is' des do'!" Hm? "Geschlossene Gesellschaft", klingelt's da? "Die Hölle sind die anderen"?

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