:: Blickwendung.de   :: Hagen Reimer 
  :: Visier    :: Leinwand    :: Plattenteller    :: Regal  
Druckansicht Link versenden
Business, krank

Freilich ist das schmerzlich. Eine öde Null zu sein, außer Arbeit und Erwerb sinnlosen Krempels - Entschuldigung: Shoppen - nichts drauf zu haben. Es lässt sich etwas dämpfen, indem man sich in RTL-Talkshows noch blödere Typen reinzieht, aber die Methode ist, zumal, wenn man bisschen Intelligenz sein Eigen nennt, endlich. Zum Glück gibt's Lifestyle-Experten mit einer nachhaltigeren Lösung, nur 6 Euro pro Dosis. Der Wirkstoff: Du bist gar kein konsumbesessenes Kasperl, du bist ein ... Business Punk!

Business, krank

Schön, dass Gruner & Jahr in der Krise nicht nur alle Redaktionen "verschlankt" und dabei heftig "Synergien ausschöpft", sondern den Mut hat, ein neues Magazin zu lancieren.

Schade, dass ein Konzept mit kaum zu überbietendem Schwachsinn dahinter steht.

Schauen wir uns mal den Slogan an: "Work hard. Play hard." Ah ja. Am besten lässt man das wohl die "Macher" selbst erklären: "[...] ein Magazin für alle, die etwas bewegen und Erfolg haben wollen. Für die ein Job mehr ist als ein Job, weil er ihr Leben definiert und sie antreibt. [...] Für die Uhrzeiten nur eine Art Richtgeschwindigkeit sind und Schlaf ein notwendiges Übel, weil sie nach Büroschluss mit Kollegen oder Freunden feiern. [...] Es geht um das laute, schnelle Leben, das hinter dem Business tobt. Und um Typen, die in Unternehmen etwas unternehmen." (Eigenwerbung)

Weia.

Nachschlag gefällig? Der Initialfunke stammt angeblich aus einem Blog und lautet: "We like to work hard. We like to play hard. We love money and all the happiness it brings us. We like to close the bar at 4 am on a Monday night and be at the office a few hours later." (ebenda)

Weia!

Natürlich wird es ein paar arme Würstchen geben, die mangels eigener Identität dankbar am Kiosk ihre Kohle (money and all the happiness it brings us) dafür hinlegen, von ein paar Redakteuren erklärt zu bekommen, was sie doch für coole Shaker und Maker sind. Weil sie sich krummmlegen für noch mehr Kohle, auch, wenn das meiste davon relativ gesehen bekanntlich mitnichten in ihren Taschen landet. Weil sie denken, eine Tag-Heuer-Uhr, ein D&C-Anzug und ein SUV machen sie zu einer beeindruckenden Persönlichkeit auf der Überholspur des Lebens.

All das möchte man an sich mit einem Schulterzucken als nur ein weiteres Mosaiksteinchen in der Lawine der Lifestyle-Idiotie abtun, die ein sinnlos rotierendes Wirtschaftssystem permanent über uns lostritt. Wäre da nicht die geradezu infame Vergewaltigung des sowieso übel zugerichteten Begriffs "Punk".

Gewiss doch: Die Idee war schon bei ihrer Entstehung zum Scheitern verurteilt und wurde, ebenso wie alle ihre Vor- und Nachgänger, ab dem Moment pervertiert, in dem irgendwo irgendjemand feststellte, dass sich damit money and all the happiness it brings us machen ließ. Ein nichtsahnender Urahn des Business Punk vermutlich, als er nach einer durchfeierten Nacht die Bar hinter sich zusperrte und sich auf den Weg ins Büro machte, um aufs neue die Welt zu erobern.

Trotzdem war es eine liebenswerte Idee, die ein paar ihrer Anhänger einiges bedeutete. Und die vor allem im diametralen Gegensatz zu dem stand, was Gruner & Jahr nun mit Gewalt hineinverdrehen will. Schwer zu sagen, worum es ging, aber sicher ist: Es ging nicht um money and all the happiness it brings us, es ging nicht darum, Rücksichtslosigkeit als Männlichkeit, teures Spielzeug als Stil und Überheblichkeit als Coolness zu verscherbeln. Und es ging ganz sicher nicht um Leistung, sondern, so abstrus das rückblickend scheinen mag, um die Verweigerung derselben.

Darum, so leid es einem um die Handvoll Redakteure und die Heerschar der Anzeigenverkäufer von Business Punks tun mag - die vermutlich von Amts wegen jede Nacht in einer Hamburger Edelkneipe rebellisch die Armani-Krawatte abziehen und bis vier Uhr früh süßliche Cocktails saufen müssen, bevor sie wieder ins Büro schlurfen -, so leid es einem also tun mag: Hoffen wir, dass das Heftchen schnell scheitert.

Hoffen wir, dass es nicht wirklich genügend Käufer für die erste Ausgabe gibt, die über so faszinierende Themen verfügt wie den Virgin-Gründer (ich hätte schwören können der ist längst tot?) mit einer revolutionären Aussage - "ich breche Regeln" - und eine Bravo-Niveau-Reportage mit dem Titel "Sexy Sekretärin - die Versuchung im Vorzimmer". Ich meine: Puh-lease!

Sonst kündige ich hier gleich an: Ich breche auch. Und zwar nicht etwa Regeln, sondern einfach nur so.

Facebookgoogle.comVZMister WongTwitteraddthis.comdel.icio.usstumbleupon.com
zur Startseite