(Chuck Palahniuk, Minerva 2003) Könnte man sich seinen Namen etwas leichter merken, wäre er vielleicht auch in Deutschland ein Star, anstatt kaum beachtet für ein ein paar Lesungen von Köln bis Leipzig zu tingeln. So aber können sich die wenigsten merken, dass nach seiner Erstveröffentlichung "Fight Club" David Fincher den gleichnamigen Blockbuster drehte.

Seitdem hat Chuck Palahniuk munter weiter veröffentlicht, zumal sich bis dahin mangels williger Verleger schon einiges in seinen Schubladen gesammelt hatte. "Lullaby", so der Titel der neuesten Erscheinung, ist definitiv alles andere als ein eben solches.
Carl Streator heißt unser Erzähler, der wie alle anderen Hauptfiguren Palahniuks berichtet - lapidar, immer wieder unterbrochen von kleinen Gedankensprüngen und zwanghaft wiederkehrenden Beobachtungen, das ganze in kurzen, detachierten Sätzen. Man denkt unwillkürlich an jemanden, dessen Intensität man für ein Verhör durch eine ordentliche Dosis Valium gedämpft hat, damit er nicht anfängt, mit dem Kopf gegen die Betonwand des Vernehmungszimmers zu rennen. Carl ist Reporter für eines der in den USA so beliebten Supermarket Tabloids, die über zweiköpfige Kühe, UFOs, Jesus-Erscheinungen in Idaho und ähnliches berichten. In seiner Freizeit baut er, seit seine Frau und sein Kind eines Tages einfach nicht mehr aufgewacht sind, Miniaturstädtchen, die er anschließend mit bloßen Füßen zerstampft; was ihn wirklich nervt, ist die ständige Päsenz von Geräuschen, Medien, die niemandem auch nur einen Moment Ruhe zum Fassen eines eigenen Gedanken lassen.
Als Carl für eine Serie über den plötzlichen Kindstod recherchiert, begegnet er einem Umstand, der die Erinnerung an den Tod seiner Familie wieder an die Oberfläche seines Bewusstseins hebt: Allen betroffenen Kindern las vor ihrem Tod jemand das selbe afrikanische Gedicht vor, das auch er selbst nur zu gut kennt. Ein nekrophiler Rettungssanitäter bringt ihn auf die Spur einer Immobilienmaklerin, die offenbar weiß, was hinter diesem Phänomen steckt, sein bislang als absurd zurückgewiesener Verdacht beginnt sich rapide zu bestätigen. Es folgt ein Kaleidoskop aus Thriller, Okkultismus, Krimi, Roadmovie und Horrorstory, dessen anfänglich scheinbar willkürlich zusammengeworfene Scherben sich nach und nach zu einem beängstigenden Muster fügen.
Wie schon in "Fight Club" oder "Survivor" schlägt Palahniuk zwei Fliegen mit einer Klappe: Eine spannende Story aus einer an Originalität kaum zu übertreffenden Idee transportiert einen für das Ganze mindestens ebenso wichtigen Blick auf die Mediengesellschaft nicht nur in den USA - nicht mit zäher Political Correctness, erhobenem Zeigefinger oder lahmer Pop-Philosophie, sondern auf eine lakonische "Seht zu, wir Ihr damit klarkommt"-Art. Kein Wunder eigentlich, dass Palahniuk Jahre auf einen mutigen Verleger warten musste, kein Wunder jedoch auch, dass er in den USA mittlerweile über eine auf ihn fixierte Anhängerschar verfügt. Auf deren
Website kann man sich schlecht des Eindrucks erwehren, dass etliche Spinner ihn auf ein Podest heben, das sich wenig von denen in seinen Geschichten unterscheidet.



