(James Jones, USA 1964) Kriegsbücher gibt es, seit es schriftliche Aufzeichnungen gibt, also fast so lang, wie Kriege selbst. In einer Ära, in der sich die Gattung stramm dem Zeitgeist des amerikanischen Hurra-Patriotismus' anpasst (man denke nur an das unsägliche Machwerk "Black Hawk Down"), tut es bitter not, auf die raren Ausnahmen hinzuweisen.

Dazu braucht es offenbar Autoren, die wissen, wovon sie eigentlich reden - wie James Jones (1921-1977), der nach seinen eigenen Erfahrungen im zweiten Weltkrieg eine Trilogie ablieferte, die es in sich hat. Am bekanntesten wurde "From Here To Eternity", ebenso tief aber geht zweifellos "The Thin Red Line".
In "The Thin Red Line" (1962)*, dem zweiten Teil der Trilogie, die erst 1975 mit "Whistle" endete, schildert Jones den Kampf zwischen amerikanischen und japanischen Truppen auf der Pazifik-Insel Guadalcanal. An diesem Kampf hatte er selbst bis zu seiner Verwundung teilgenommen, ebenso wie zuvor an den Ereignissen beim japanischen Angriff auf Pearl Harbour, den er 1951 in "From Here To Eternity"** geschildert hatte. Die Perspektive wechselt zwischen verschiedenen Soldaten der Charlie-Company, vom Befehlshabenden Colonel Tall über den Kompaniechef Captain Steinüber und den leicht psychotischen Sergeant Welsh bis hin zu den unerfahrenen Gefreiten Dale, Witt oder Fife.
Die Schilderungen der Kampfbedingungen und ihrer Folgen auf die Psyche der Soldaten sind schonungslos realistisch, einschließlich der Dialoge. Hochtrabende philosophische Betrachtungen über Sinn und Unsinn des Krieges werden auf das Wesentliche reduziert, die Sicht der Betroffenen, die in kürzester Zeit jede romatisierende Illusion verlieren: There was no superior test of strength here, no superb swordsmanship, no bellowing Viking heroism, no expert marksmanship. This was only numbers. He was being killed for numbers. Why oh why had he not found and taken to himself that clerkish desk-job far in the rear which he could have had?
Irgendwo im Pazifik kämpft die C-Company um strategisch mehr oder minder bedeutungslose Stückchen Terrain. Dabei trifft man unter anderen Namen die selben Charaktere an, die Jones schon im Pearl Harbour kurz vor dem Kriegseintritt der USA ansiedelte, Stereotypen, die aus seiner Sicht die Grundlage für alle realen Varianten darstellen: Stabsoffiziere, ehrgeizig, der Realität auf dem Gefechtsfeld entrückt, nicht in der Lage, hinter bunten Fähnchen auf der Karte individuelle Schicksale auch nur zu vermuten; Einheitsführer, von vagen Idealen und Verantwortungsbewusstsein für ihre Leute zwar nicht unberührt, aber völlig überfordert angesichts deren Realität und ohne einen wirklichen Zugang zu ihnen; Berufsunteroffiziere, pragmatische Profis, verzweifelt und letztlich vergebens bemüht um abgebrühte Distanz, sich nicht vom Sterben ringsum betreffen zu lassen; schließlich der gemeine Soldat, der sehen muss, wie er im Strudel unfassbarer und unbeeinflussbarer Ereignisse über die Runden kommt, ohne jede persönliche Identität zu verlieren. Wo im ersten Teil "Prew" als unangepasste Figur dem Leser noch eine Art Held anbot, gibt es hier nichts dergleichen. Jeder folgt nur seinen Instinkten, ohne die eigenen Gründe zu vestehen oder gar zu hinterfragen - lässt sich Welsh doch einmal wider seine Entschlüsse zu einer Art Heldentat hinreißen, droht er anschließend seinem Chef mit Schlägen, sollte dieser ihm dafür einen Orden beantragen.
Jones drückt, roter Faden durch das ganze Geschehen, aus was er, glaubt man den Briefen, die er von der Front an seinen Bruder schrieb, selbst zutiefst empfunden hatte: "Es spielt keine Rolle, ob du gut bist, stark, geschickt oder tapfer, ganz egal, es geht nur um Zufall. Wenn du Pech hast, erwischt's dich." Schon damals hatte er wohl vor, ein Buch über seine Eindrücke zu schreiben, die er als eine von Tausenden Facetten betrachtete, als die Menschen ein und den selben Krieg wahrnehmen - One day one of their number would write a book about all this, but none of them would believe it, because none of them would remember it that way. Das mag stimmen, und "The Thin Red Line" zeigt folglich nur eine Perspektive von vielen; aber ebenso sicher ist sie genauso wichtig wie jede andere, und, wie Anspruch hin, Anspruch her, die Geschichte erfüllt die grundlegende Anforderung an jedes gute Buch: Es ist fesselnd bis zur letzten Seite.
Nach dem Erfolg des Films From Here To Eternity (u. a. mit Burt Lancaster und Montgomery Clift) hatte auch The Thin Red Line schnell den Weg auf die Leinwand gefunden, konnte aber nie an den Erfolg dieses Oscar-Gewinners heranreichen. Dafür gab es 1998 ein Remake, das es in sich hatte: bis in die letzte Nebenrolle besetzt mit dem "Who is Who" der männlichen Hollywood-Stars, unter anderem Sean Penn, John Travolta, Nick Nolte, George Clooney und Woody Harrelson.
*deutscher Titel: "Der schmale Grat"
**"Verdammt in alle Ewigkeit"



