Drei Themen treiben die Nation um, oder wenigstens den Teil, der nicht längst in die multimediale Alternativwelt geflohen ist: Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitslosigkeit und Terrorgefahr. Der ersten geht es eigentlich blendend, nur darf man das nicht zugeben, sonst müssten die Unternehmen am Ende wieder Steuern zahlen und die Löhne erhöhen.
Was den zweiten und dritten Punkt angeht, hat Wolfgang Tiefensee, gitarrespielender Verkehrsminister und erfolgloser Aufbau Ost-Verantwortlicher, nun eine geniale Idee in die Welt gesetzt: Warum nicht einfach diese beiden Ärgernisse - Hartz-IV-Empfänger und terrorverdächtige Dunkelmänner - gegeneinander ausspielen? Ungestraft denkt er laut darüber nach, man könne doch die am Tropf der Staatskasse hängenden Nichtnutze wenigsten sinnvoll als unbewaffnete Patrouillen im öffentlichen Nahverkehr einsetzen.
Instinktiv lacht man ob einer dermaßen bescheuerten Idee natürlich erst einmal brüllend los, nur Peer Steinbrück atmet erleichtert auf, weil ein Kollege eine noch absurdere Anregung als die äußert, die Leute sollten gefälligst auf Urlaub verzichten und das Geld zum Abmildern jahrelanger Planlosigkeit in der der Rentenpolitik verwenden. Dabei würden sich im Grunde beide Vorschläge recht gut ergänzen: Arbeitslose zur Tram-Miliz, Rentenempfänger zur Straßenreinigung, Jugendliche ohne Ausbildungsstelle zur Müllabfuhr und Asylbewerber zum Ernteeinsatz. Offensichtlich entsteht da peu à peu eine Art kollektiven Wahns all der Politiker, die insgeheim befürchten, jemand könne ihrem fadem Cocktail aus Untätigkeit und Unfähigkeit auf die Schliche kommen und sie mangels Nutzen für das Gemeinwohl aus dem Amt jagen. Also ist Profilierung angesagt, egal um welchen Preis, und Tiefensee versucht's eben mal mit etwas, das nicht nur technisch und juristisch völlig idiotisch ist, sondern überhaupt und sowieso.
Das Klima passt für derlei dümmliche Vorschläge hervorragend, überbieten man sich doch allseits nach dem Kofferbomber-Schock mit einer Ansammlung unausgegorener Ideen: Beckstein bajuwarisiert zum x-ten Male nach flächendeckender Kameraüberwachung, Stoiber fordert stammelnd die de facto-Abschaffung des Datenschutzes, und Schäuble will endlich mal der Bundeswehr was zu sagen haben und sie daher im Inland einsetzen. Tiefensee selbst als a priori fachfremder Populist hatte schon einen warme Luft-Testballon steigen lassen und vorgeschlagen, Toll Collect zur Überwachung terrorverdächtiger Umtriebe einzusetzen. Nun weiß eigentlich nicht nur jedes Kind, dass die millionenteure Pleiteanlage sowieso nie richtig funktioniert, sondern es ist auch fraglich, wieviele Terroristen mit dem 40-Tonner zum Einsatz kommen. Dennoch hat man ihn für diesen ersten Geniestreich nicht fristlos entlassen - sowas macht mutig. Oder übermütig.
Nun fordert er also Hartz-IV-Empfänger in Tram, Bus und U-Bahn, nicht etwa zu ermäßigten Fahrpreisen, sondern als Schutz gegen den Terror. Da ständen dann im Tiefensee'schen Optimalfall zwei unausgebildete, schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose in der Wagenmitte und passten auf, dass niemand eine Kofferbombe zündet. Wie sie das machen und was sie tun, wenn's trotzdem passiert, bleibt weitgehend unklar, sind sie doch erstens unbewaffnet (Gott sei Dank!), zweitens vermutlich nicht gerade austrainierte Kampfmaschinen und drittens sowieso ohne jede rechtliche Handhabe, was das Ausüben physischer Gewalt (juristisch heißt so etwas 'unmittelbarer Zwang' und ist sehr penibel reguliert) betrifft. Man fragt sich, ob das gut ausgebildeten und zum Selbstopfer bereiten Al Quaida-Kadern den kalten Angstschweiß auf die Stirn treibt.
Denen wohl eher nicht, aber dann wenigstens uns. Bei genauerem Hinschauen ahnt man nämlich, dass Tiefensees Beitrag zur nationalen Sicherheit noch eine ganz andere Folge hat, nämlich eine von Amts wegen geförderte Blockwart-Mentalität: Jeder beobachtet argwöhnisch jeden, Bürgerwehr- und Spitzelträume haben Hochkonjunktur, potenziell verdächtige Elemente wie Langhaarige, Ausländer und Schwarzfahrer werden mittels ständiger Observierung von vornherein kaltgestellt. Da wird der eiserne Otto vermutlich endlich wieder rot, und zwar aus Neid auf solche Erfolge.



