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Freak Factor

Sascha, M., 29, arbeitslos, meets Stephen King. Häh? Ich erklär's Ihnen: Sascha hat uns in den letzten Wochen an jeder Ecke ungebeten sein Gesicht ins Blickfeld gehalten. Schuld daran ist RTL II. Die Macher des Senders sind bekanntlich zweite Liga, daher der Name. Sonst wären sie vielleicht bei RTL, aber so sind sie auf ewig verdammt, abgelegte Quotenhits aufzuwärmen.

Auf diese Weise versucht man, auch noch den letzten Cent aus teuer eingekauften US-Formaten zu wringen. Damit das funktioniert, braucht's Werbung - und deshalb, der Kreis schließt sich, müssen wir uns Saschas (M., 29, arbeitslos) Fresse ansehen.

Am dritten März startete Big Brother, und zwar auch nur die zweite Staffel, alles zweitrangig hier, gewissermaßen. Ein Jahr lang wird nun wieder ein Häuflein verzweifelter (verzweifelt perspektivlos, pleite, verzweifelt blöde oder geltungssüchtig, jedenfalls verzweifelt genug, um mitzumachen) Kandidaten durch die Container krabbeln und das Unmögliche versuchen: sich ganz normal zu benehmen, aber dennoch irgend etwas zu tun, was irgend jemanden vor die Glotze ziehen könnte. Das kann natürlich nicht klappen, also gibt's eine Menge Drumrum, konkurrierende Gruppen, sinnfreie "Contests", und was eben noch so bei den amerikanischen Vorbildern gezogen hat. Das einzig faszinierende daran ist, dass dieses Konzept offenbar reicht, um Kasse zu machen, und das geht nur, wenn sich genügend Zuschauer finden, die verzweifelt genug sind, selbst derartig langweilige Szenen noch ihrem eigenen Leben vorzuziehen.

Okay, das ist alles schon ganz schön traurig. Aber was hat nun Sascha mit King zu tun? Letzterer hat vor vielen Jahren, als er noch jung und wütend war, den Roman "Running Man" geschrieben, der nicht nur nervenzerreißend spannend war, sondern obendrein auch medienkritisch hart an der Schmerzgrenze, und zudem nachgerade visionär (wer nur den Film gesehen hat: das Verhältnis zum Buch ist wie das zwischen einer aufgewärmten Tasse Krönung Light und einem doppelten Espresso). Im Jahr 2025 hat, so der Plot, das Fernsehen alle Schönfärberei abgelegt und wendet sich endlich ohne Umschweife den niedrigsten Instinkten des Zuschauers zu. Starsendung ist besagter Running Man, wo ein Kandidat auf Leben und Tod gehetzt wird, um im Falle des Erlebens am Schluss ein riesiges Vermögen einzusacken. Gewinner ist eine eng mit den Medien verflochtene Regierung, die mit den Sendungen die unzufriedene Bevölkerung von der Straße weg- und dummen Gedanken abhält. Übrigens: "Opium fürs Volk" war die Schlagzeile einer anderen Plakatserie für Big Brother. Wenigstens machen sie niemandem etwas vor.

Und so kommt wieder unser Sascha ins Spiel. Big Brother basiert auf dem selben Prinzip wie sämtliche ähnlichen Formate, nämlich auf den drei Möglichkeiten der Identifikation des Zuschauers mit einem Akteur:
+ das-könnte-auch-ich-sein-Effekt: "... Herr je, er schafft's!"
Freak-Effekt: "... meine Fresse, ein Glück bin ich nicht so ein Spinner/Perverser/Hässlicher/Loser"
+ Unfall-Effekt: "... jetzt erwischt's ihn gleich"

Nachdem der vergleichsweise harmlose erste Effekt schon mit "Dalli, Dalli" und dem "Großen Preis" sein maximales Potenzial erreichte und sich nur noch mit immer höheren Gewinnen steigern lässt ("Wer wird Millionär"), und der zweite allmählich alle erdenklichen Freaks bis zum Umfallen durchleuchtet hat ("Arabella: Mein Vater hat mit meinem Freund geschlafen" - [Na und?!?]), dienen diese beiden Arten mitsamt Sascha nur noch als Vorbereitung auf die wirklichen Knüller. Was jetzt schon verschämt aus der hintersten Ecke der Videothek mitgenommen wird - 1.000 Arten zu sterben, Die 100 übelsten Formel Eins-Unfälle...) - gibt's dann zur Prime Time. RTL (dieses Mal die erste Garnitur) startet im Frühjahr die deutsche Version von "Fear Factor", dem aktuellen Quotenrenner aus den USA. Paare müssen Mutproben durchlaufen, je ekliger und gefährlicher, desto besser, und am Ende winkt ein satter Gewinn. Nun schreckt man immer noch etwas vor echter Gefahr zurück, deshalb liegt der Schwerpunkt auf Ekel. Da sitzt man dann, den Kopf in einem transparenten Behälter voller fetter Küchenschaben, oder man fischt mit dem Mund einen abgehäuteten Kuhschwanz aus einem Behälter mit Schlachtabfällen und trägt ihn dann zu seinem Partner. Einen Sinn hat das ganze selbstredend nicht, eine echte Leistung ist erst recht nicht gefragt. Aber das muss auch nicht sein, Hauptsache, Freak- und Unfall-Effekt greifen und den Zuschauer schaudert's kräftig, während er noch ein Tütchen Chips aufreißt.

Und das, machen wir uns nichts vor, wird totsicher klappen.

Nachträglich noch ein Zitat von Ex-WDR-Intendant Friedrich Nowottny über RTL's Dschungelshow: "Die Tatsache, dass diese RTL-Sendung bis zu acht Millionen Zuschauer erreicht, ist für mich ein Schock und wirft viele Fragen auf. Muss man heute, um Marktanteile zu gewinnen, in die unterste Schublade greifen? Eines Tages werden Containercamp- oder Dschungel-Insassen nackt herumlaufen, weil die Sender glauben, damit eine noch höhere Quote zu erreichen."
Soll man da nun applaudieren, oder über diese erstaunliche Naivität schmunzeln?

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