Das neue Jahr ist noch keine Woche alt, da wird es schon zum ersten Mal ziemlich hart: Von jeder Ecke der Stadt herunter belästigt uns ein quietschbuntes Plakat mit beeindruckend dämlichen Visagen. Die dazu gehörenden Körper halten Wurf-drohend eine Torte hoch und zeigen mit Zahnpastareklamelächeln, dass sie natürlich nicht wirklich werfen wollen, nein, nein, keine Sorge.

Ist nur Spaß, und zeigt gleich, auf welchem Niveau sich ebendieser beim Urheber der Kampagne bewegt. Worum's geht? Um RTL, Gott steh' uns bei: "Erste Sahne seit 25 Jahren".
Die durchgestylten Visagen gehören, wie könnte es anders sein, den so genannten "Stars" des ungekrönten Verdummungskönigs unter den deutschen Privatsendern. In diesem Zusammenhang bekommt der kritische Konsument zumindest eine kleine Genugtuung, steht doch jede der Gestalten, deren Namen man nicht kennt, für einen persönlichen Erfolg im Abwehrkampf gegen das Dauerbombardement mit Inhaltslosigkeit, Vulgarität, ungeniertem Voyeurismus und, natürlich, Werbung, Werbung, Werbung.
Nun ist es also schon 25 Jahre her, dass mit dem Start des Privatfernsehens seichter Unterhaltung und ungehemmter Werbung der Weg in deutsche Wohnzimmer geöffnet wurde. Rückblickend möchte man beinah nostalgisch werden und die gute alte Zeit herbeisehnen, und sei es nur, weil RTL (damals RTLplus) anfangs noch seine Sendezeit auf von 17 Uhr 30 bis 22 Uhr 30 beziehungsweise 24 Uhr (Samstag/Sonntag) beschränkte.
Mittlerweile sendet das TV-Pendant zu
"Bild" und
"Gong" rund um die Uhr, und das auch noch auf zwei Kanälen; da ist es nur ein schwacher Trost, dass der Marktanteil in den vergangenen zehn Jahren um über drei Prozent schrumpfte. Immerhin noch 11,8 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer glotzen weiter stumpf auf den peinlichen Mix zwischen "Dschungelcamp", Desinformation, Werbung und einer nicht enden wollenden Reihe von Klamaukshows. 11,8 Prozent - das sind über den Daumen etwa 12 Prozent zuviel.
RTL ist dessen unbeschadet finster entschlossen, sich zum 25. selbst ordentlich zu bejubeln. "So feiern nur wir", lautet der Slogan. "Ja zum Glück!", möchte man spontan entgegnen, aber leider steht's mit dem Wahrheitsgehalt dieser Ankündigung, orientiert man sich an den sonstigen Sendungen, vermutlich nicht eben zum besten.
Wie's der Zufall will, feiert auch der Media-Markt 2009 ein Jubiläum, und zwar das dreißigste. Den Anlass, der eigentlich für niemanden außer den Metro-Aktionären einen besonderen Grund zur Freude darstellt, begeht man mit einer Kreditkampagne: Alle Produkte ab 300 Euro kann man bis auf weiteres in dreißig (oggi-nääll!) Monatsraten bezahlen, zinslos, versteht sich. Ein Hundling, wer dahinter einen Zusammenhang mit der sinkenden Konsumfreudigkeit vermutet oder gar, Gott bewahre, die Frage stellt, mit welchen Gewinnspannen der Laden sowas finanziert.
Statt dessen freut man sich lieber, dass auch der rapide wachsenden Schar einkommensschwacher Menschen im Lande eine Möglichkeit geboten wird, legal an einen 50 Zoll-Plasmafernseher zu kommen. Den braucht's nämlich beispielweise bei RTL dringend, flimmern doch außer der eigentlichen Sendung unablässig Hinweise auf den nachfolgenden Schwachsinn, Werbungen für Klingelton-Downloads und ähnliche Belästigungen über die Bildränder.
Vor diesem Hintergrund muss man die vor einiger Zeit geführte Ersatzdiskussion über die Zulässigkeit des Begriffs "Unterschichtenfernsehen" als fast so heuchlerisch und verlogen wie das Programm selbst einstufen. Das Problem ist nicht die Bezeichnung der Zielgruppe, das Problem ist ihre unbestrittene Bereitschaft zum Abstieg auf den absoluten Niveau-Nullpunkt. Und das gilt nicht nur für die Zuschauer selbst, sondern auch für die Akteure: Jemand, der seinen vermutlich bestenfalls mittelmäßigen "Promi"-Lohn im wesentlichen damit verdient, dass er nur mit Übergewicht und homosexueller Orientierung bewaffnet die Spottzielscheibe gibt, verstößt gegen die Unveräußerbarkeit der Menschenwürde - und zwar seiner eigenen.
Wie's ein weiterer Zufall will, fasste eine britische Rockgruppe zeitnah zur Geburtsstunde von RTL und Konsorten die ganze traurige Misere geradezu visionär zusammen:
Gather round and listen and I'll tell you how's it's done
How they manage to make idiots out of everyone
Take a human population with their hunger and their pain
And the weaknesses that cripple them again and again
Invent a splendid party where dreams can be won
And with bright flashing lights, the heartaches are gone
With sex and with money and with everything for free
Then show tantalising glimpses every night on TV
The producer swears silently it cannot be heard
And the camera crew are muttering those four letter words
Another take is needed so the show can go on
With a patronising smile and a popular song
They tell when to laugh, they tell you when to cheer
So the audience at home will get the right idea [...]*
Na dann: Herzlichen Glückwunsch.
*New Model Army:
Western Dream (1985)



