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Hart aber unfair

Die deutsche Autobahn: unendliche Weiten, last free racing track in the world. So war das bis jetzt, und wenn es Auto-Lobby und ADAC weiter gelingt, die EU unter Kontrolle zu halten, bleibt es auch so - wohlhabende Chinesen kommen schließlich nicht von ungefähr gerade zu uns, um mal so richtig draufzutreten.

Dennoch scheint die Veränderung selbst vor diesem Rückzugsgebiet des post-wirtschaftswunderbaren Homo Mobilis nicht Halt zu machen. Zumindest an einer ganz besonders schillernden Facette dieses insgesamt ohnehin mehr als faszinierenden Biotops: den Raststätten.

Bei Autoreisen über 90 Minuten gehört der Stopp an der Raststätte unweigerlich zum Standard, nicht nur, weil der ADAC und Manfred Stolpe da gaaanz dringend zu raten, sondern auch, weil man Hunger hat und einen Espresso braucht. Und, seien wir doch mal offen, weil man auf die Toilette muss. Da gab's früher immer die interessantesten Erlebnisse der ganzen Pause, während man schon im Geiste mit sich rang, ob und wenn ja wieviel Kleingeld man dafür opfern wollte: sauber oder versifft, Papierspender leer oder voll, alle Pinkelbecken in Betrieb oder die Hälfte verstopft, Kabinen für lau oder gegen 50 Pfennig. Und dann: der oder die Angestellte, verantwortlich für alles von Sauberkeit bis Papierstand und dadurch auch letztlich für den Füllzustand des kleinern Tellers, Bechers, Schächtelchens. So war das mal.

Nun aber kommt man in Erwartung des vertrauten Ambientes durch die Tür und ist mit einem Mal aufgeschreckt: Licht. Grün-blaue Farben überall, plätschernde Hintergrundmusik, blitzende Kacheln und Kunstpalmen. Dazu polierte Drehkreuze und Münzautomaten mit mehrsprachiger Beschriftung, die das selbe verkündet wie die Musik in regelmäßigen Abständen unterbrechende Ansagen: SANIFAIR bietet Sanitäranlagen, in denen sich durchdachte Funktionalität und eine emotional ansprechende Umgebung harmonisch miteinander verbinden. Erleben Sie Service und Sauberkeit ohne Kompromisse. [...] Diverse Verzehr- und Einkaufsmöglichkeiten machen jede Pause unterwegs so angenehm wie möglich. Wenn Sie ausschließlich Sanifair in Anspruch nehmen möchten, zahlen Sie an einem Kassen-Automaten eine geringe Aufwandsentschädigung [...]. Wir nennen das eine faire Lösung. Aha. Daher auch der Name. Aber ist das wirklich alles so fair?

Klar, endlich gibt es eine emotional ansprechende Toilette, zu der wir zeitgemäß auf einer Öffnet externen Link in neuem FensterWebsite weitere Erklärungen finden: Sanifair ist demnach das erfrischend andere WC auf der Autobahn mit ansprechender Architektur, modernem Design und sauberem Service. Die modernen Sanifair-Toiletten bieten Kunden ein klares Leistungsversprechen: entspannende Atmosphäre plus Top-Sauberkeit und Service in den Sanitäranlagen - überall und zu jeder Zeit. Da kennen die nichts bei Sanifair und, im Gegensatz zu manch emotional nicht immer so richtig ansprechender Klo-Frau alter Machart, freuen sie sich obendrein auf unseren Besuch, ausdrücklich. Marketing nennt man das wohl.

Der ADAC, der besser weiß als die Autofahrer selbst, was sie denn nun von sowas halten, bezog schon im September 2004 Stellung. Er "begrüßt jede Verbesserung für die Verbraucher, was die Sauberkeit und Hygiene der Raststättentoiletten betrifft. [...] Nicht akzeptabel ist jedoch die Abwicklung der Gebührenerhebung. Wer zuerst in der Raststätte konsumiert und danach die Toiletten nutzt, erhält keine Erstattung an den Kassen im Shop bzw. im Restaurant. Der ADAC fordert die Tank & Rast dringend auf, diese Abwicklungsprobleme in Sanifair-Toiletten abzustellen." Weia. Abwicklungsprobleme auf der Toilette!

Wunder Punkt also: die Kosten. Um das polierte Drehkreuz zu passieren, muss man nämlich 50 Cent einwerfen. Dafür gibt's dann einen "Voucher" (das ist ein Gutschein), den man anschließend in der Tanke oder dem Bistro einlösen kann. Wenn man da schon vorher war und jetzt nur noch mal schnell aufs Örtchen will, hat man Pech gehabt und lässt mal eben eine Mark dafür da. Und genau genommen tut man das natürlich auch, wenn es keine Abwicklungsprobleme gibt; der sündhaft teure Espresso wird schließlich nicht billiger, nur weil man seinen Voucher abgibt, sondern nur auf Raten gezahlt - eine vor dem Pinkeln, eine vor dem Trinken.

Wenn der ganze Prozess zu Spannungen führt, zwischenmenschlich oder im Verdauungstrakt, hat Tank & Rast übrigens noch was im Unternehmensportfolio: "Am Rande des Spannungsfeldes Autobahn bieten Ihnen sieben Autobahnkapellen und -kirchen Orte der Ruhe und Besinnung" - also das, was manche bisher auf der Toilette suchten. Na, wenigstens gibt's in den Kapellen keine Voucher, die man dann in der Kollekte einlösen kann.

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