(Jean-Pierre Jeunet, Frankreich/USA 2004, 134 Minuten) Der deutsche Untertitel tut alles, um abzuschrecken: "Eine große Liebe" hat sich der Verleih wohl in der Hoffnung einfallen lassen, die Julia Roberts-Lovestory-Fraktion ins Kino zu locken.

Dass die dann anschließend enttäuscht meckert, das wäre alles ja ziemlich wirr und außer den Kriegsszenen irgendwie gar nicht voll süß gewesen, hat Jeunets "Langer Sonntag der Verlobung" (Originaltitel) eben so wenig verdient wie seine Hauptdarstellerin Audrey Tautou alle unvermeidlichen "Amélie"-Vergleiche. "Mathilde" jedenfalls gelingt es, gleichzeitig eine Liebesgeschichte zu sein (bei der sich das Paar insgesamt vielleicht gerade einmal zwanzig Minuten gegenüber steht) ein Film über den ersten Weltkrieg ein liebevolles Bild Frankreichs - das ganze ohne erkennbare Mühe verpackt in die surreal-träumerische Stimmung, die Jeunets Regie selbst noch dem eher schweißtreibenden Schocker "Alien - The Resurrection" aufdrückte.
Ein Schlachtfeld irgendwo im Stellungskrieg zwischen Deutschland und Frankreich an der Somme. Fünf wegen Selbstverstümmelung zum Tod Verurteilte stapfen im Regen durch überschwemmte Schützengräben zu dem Abschnitt mit dem unwahrscheinlichen Namen "Bingo Crépuscule", an dem sie erschossen werden sollen. Um nicht durch plötzliche Schüsse die relativ ruhigen Deutschen nervös zu machen, lässt der dort verantwortliche Offizier (Tchéky Karyo in einer der vielen mit Stars wie unter anderem Jodie Foster besetzten Nebenrollen) sie lieber über den Grabenrand ins Niemandsland zwischen den Fronten schicken. Es beginnt ein Alptraum, an dessen Ende niemand mehr weiß, ob und, wenn Ja, wer von ihnen überlebt hat.
In einem bretonischen Dorf wartet derweil Mathilde, die Geliebte des jüngsten der fünf Verurteilten. Noch lange nach Kriegsende weigert sie sich trotz der amtlichen Todesmeldung, zu glauben, dass er wirklich gestorben ist. "Da ist noch ein Kabel, ich würde es spüren, wenn es reißt" - dieses Kabel beginnt sie quer durch das scheinbar unentwirrbare Knäuel von Schicksalen, Ereignissen und Erinnerungen aufzuwickeln, was immer mehr zum verzwickten Kriminalstück gerät. Am Ende steht eine Auflösung, die natürlich nicht verraten wird.
Geprägt wird "Mathilde" durch eine ganze Reihe hervorragender Schauspieler, einen eleganten Plot mit unbekümmerten Zeitsprüngen, und natürlich durch Jeunets ganz eigenen Umgang mit Licht, Kameraperspektiven und Dekors. Wer vom französischen Kino grundsätzlich schwere Kost mit Tiefgang erwartet, für den taugt dieser Film ebenso wenig wie für alle, die es nur mit schwungvollen Komödien verbinden; wer sich aber gut zwei Stunden von einem ungewöhnlichen Film mit entrückenden Bildern fesseln lassen will, der ist hier richtig.



