(Wu-Tang Clan, BMG 2004) Naturgesetz: Aufstrebende Bands, die sich für die Stimme "des" Ghettos halten, machen Hip Hop. Ob Downtown L.A., Bronx oder Münchner Hasenbergl spielt dabei keine wesentliche Rolle.

Wer über Zwanzig ist, kann sich bei aller angemessenen Aufgeschlossenheit früher oder später meist nicht eines gewissen Überdrusses erwehren, weil das Ergebnis 1. allgegenwärtig scheint, 2. allzu oft trotz aller political correctness musikalisch und inhaltlich einfach indiskutabel unterirdisch schlecht ist - aber zum Glück nicht immer. Wer schlechte bis saublöde Reime, holprig vorgetragen von selbstgefälligen Jungchen in Kapuzenpullis nicht mehr hören kann, aber wissen will, was denn nun an dem ganzen Wind wirklich dran ist, sucht am besten am Ursprung: bei schwarzen Typen aus den socially under-privileged Vierteln mehr oder minder kaputter US-Metropolen. Wie zum Beispiel der New Yorker Wu-Tang Clan.
Diese knapp zehn putzigen Kerlchen haben 1993 mit dem Debut "Enter the Wu-Tang (39 Chambers)" angefangen, die Szene aufzumischen. Seitdem haben sie in wechselnder Zusammensetzung nicht nur einen Haufen Platten veröffentlicht, sondern auch Musik zu etlichen Filmen beigesteuert. Unter anderem pflegen besonders die Masterminds RZA und GZA Beziehungen zu Independent-Genie Jim Jarmusch, für den sie nicht nur den Soundtrack zum brillanten "Ghost Dog" produzierten, sondern auch als Selbstdarsteller einer Episode in "Coffee and Cigarettes" erscheinen. Wer sich so mühelos durchsetzt, Gold- und Platin-Alben abliefert und dabei nicht mal Probleme mit seiner Authentizität an der Basis kriegt, hat einen Freibrief selbst bei Major Label Sony.
Bei "Legend of the Wu-Tang" handelt es sich um eine Best Of-Compilation - pfui bäh! Ja doch, schon richtig, aber zum Kennenlernen und Reintasten nun mal der günstigste Weg, zumal, wenn's so sauber gelingt wie hier. Vor dem endlosen Teppich von fließenden, stampfenden, rollenden, dröhnenden, wummernden Beats präsentiert die CD alles, was Wu-Tang Clan im Gegensatz zu leeren Selbstdarstellern wie L.L. Cool Jay oder vereinnahmten Kommerz-Geiern wie Snoop Doggy Dog so interessant macht: schwarze Identität mit engem Bezug zur so genannten "Five Percent Nation", glaubhaftes Ghetto, Versatzstücke aus Schach (ein paar) und Kung Fu (jede Menge) als Metapher für das (Über-)Leben in einer seltsamen Welt. Musikalisch erscheint der Mix kaum weniger chaotisch, monoton-harte Rhythmen wechseln mit Soul-Anleihen, auf B-Movie-Samples folgen Streichinstrumente, und selbst die Stimmen der Band-Mitglieder könnten unterschiedlicher kaum sein.
16 Stücke enthält der Sampler, das macht eine knapp 70 Minuten dauernde Klangwelle, die man so kaum anderswo bekommt. Ein besonders hervorhebenswertes Highlight gibt es nicht - es sei denn die LP-Version von "Gravel Pit", das es eine Weile selbst in deutsche Radios schaffte, nur eben in der sprach-kastrierten Version. Parental Advisory: Explicit Lyrics. Strong Language, Sexual + Violent Content. Yo.



