(2006) Wenn gute Bands plötzlich Erfolg haben, ist das (außer für die Band selbst vermutlich) oft ein richtiges Dilemma. Man zweifelt, an seinem Geschmack, am betreffenden Album, und daran, ob man fürderhin noch zugeben soll, dass man die Musik genial findet.


In der ersten Hälfte von 2006 betraf dieser seltene Fall gleich zwei Bands, die sich obendrein in einem lockeren Konkurrenzkampf befinden. Da braucht's schon mal ein paar Monate hinhaltender Ausflüchte, bevor man sich zu einer Kritik aufrafft. Hilft alles nix, Muse und Placebo haben je ein hervorragendes Album vorgelegt. Also stellt sich zu allem Überfluss noch die Frage, welches das bessere ist.
In der Musikindustrie, die sich bekanntlich für überhaupt absolut gar nichts-niente-null-nada-vergisseseinfachmann zu schade ist, war man sich schon beim Erscheinen der beiden Platten im Frühjahr beziehungsweise Sommer 2006 vor Gier sabbernd einig: "Act des Monats, Meilenstein, was-auch-immer völlig neu definiert, Maßstäbe setzend, richtungsweisend, auf geht's Leute, lauft los und kauft Euch die Dinger!!!" Das will natürlich nichts heißen, denn ähnlich enthusiastisch reagiert sie schließlich auch auf Tokio Bordell, Dustbin Himbeercake, Yvonne Rattergeld und wie diese Synthetikprodukte auf Basis eitriger Ausflüsse bis zur Debilität zugekokster Produzentenhirne alle heißen mögen.
Bei Placebo, die (bringen wir die Peinlichkeiten gleich hinter uns) auf der anschließenden Tour sogar die Olympia-Halle füllten, und Muse, die sich mit einem Mal durch "Bravo"-taugliche Statements à la "seit wir Erfolg haben bekommen wir leichter Mädchen ins Bett" bemerkbar machen, gibt es allerdings Grund zum Hype. Beide Bands ohne das nervige "the" im Namen heben sich wohltuend von der wuchernden Masse mittelklassiger Schraddelgrüppchen ab; beide kommen aus England und bestehen aus je zwei überdurchschnittlich fähigen Musikern und einem extrovertierten Frontmann, und beide scheren sich einen feuchten Kehricht darum, in welcher Schublade der "Spex"-Kritiker sie wohl landen werden. Da gibt's wohl nur eins: den direkten Wettbewerb.
Handwerk: Bei beiden nichts zu meckern. Die seit den Sex Pistols und den Ramones bis zum Erbrechen ausgesogene Idee, fehlendes Können dreist mit Originalität gleichzusetzen, hat keine Chance, statt dessen hohes Niveau und spürbarer Drang zur Perfektion. Vermutlich ist Muse's Matthew Bellamy, immerhin Nummer 29 der Best Guitar Players Ever-Liste des britischen Magazins "Total Guitar", einen Hauch virtuoser als sein Placebo-Gegenstück, und daher: 5 Punkte für Muse, 4 für Placebo.
Instrumente: Beide Bands setzen auf die gewohnte Basis aus Gitarre, Bass, Drums und Gesang, beide haben aber auch keinerlei Scheu vor Synthesizern, Piano, Streichern und dergleichen. Bellamy allerdings bringt als leidenschaftlicher Pianist dieses Instrument als Kontrast zu rockigen Riffs deutlich öfter und dominanter zum Einsatz. Deswegen: 5 Punkte für Muse, 4 für Placebo.
Gesang: Placebos Brian Molko schafft das Kunststück, mal wie eine Frau zu klingen, mal zu näseln, mal ruhig zu summen, aber immer auf den ersten Ton unverwechselbar zu sein; Bellamy geht wilder zu Werke, hält dafür aber Höhen, mit denen man Glas schneiden kann. Ganz klar: 5 Punkte für beide.
Sound und Ideen: Nun wird's schwierig. Muse hat in den vorherigen drei Alben schon ziemlich ausgereizt, was zu holen ist; jetzt kokettiert der Sound unter dem Strich etwas zu sehr mit fast schon ironisch bombastischen Klängen und - mit Mainstream. Natürlich nicht durchgängig, natürlich sehr guter und einfallsreicher Mainstream, aber doch... Placebo hingegen hat nach einem Hänger mit dem Vorgänger "Sleeping with Ghosts" zu neuer Höchstform gefunden. Harter Beat, glasklare Riffs, komplex, aber ohne Zilisierungen. Also 3 Punkte für Muse, 5 für Placebo.
Songfolge, Vielseitigkeit und Mischung: Hm ja. Das ist nun wieder einfach: Beide liefern die komplette Palette, schnell und hart, leicht und melancholisch, das ganze nicht einfach eingespielt und gebrannt, sondern unübersehbar sorgfältig aufeinander abgestimmt. Drum gibt's 5 Punkte für beide.
Texte: Sind bekanntlich in der Regel weniger wichtig, weil man sich meistens eh erst mal mit dem Booklet hinsetzen muss, um was zu verstehen. So auch hier: Keine Plattitüden, Muse eher mystisch, Placebo eher pragmatisch. Na ja, nicht jeder kann zu guter Musik auch noch so geniale Texte bringen wie beispielsweise Justin Sullivan - Hauptsache kein Schmalz, daher 3 Punkte für Muse und 4 für Placebo.
Das macht dann... murmel murmel... was?!? 26 zu 27?!? Da schau' her. Das hätten wir eigentlich auch gleich haben können. Sowohl "Meds" als auch "Black Holes and Revelations" gehören schlicht und ergreifend in jedes CD-Regal. Übrigens: beide sind trotz gegenteiliger Drohungen auf dem Cover nicht kopiergeschützt. Klar kauft man sie sich trotzdem, aber so kann man sie auch auf dem MP3-Player genießen. Es lohnt sich!



