:: Blickwendung.de   :: Hagen Reimer 
  :: Visier    :: Leinwand    :: Plattenteller    :: Regal  
Druckansicht Link versenden
Die Qual der Wahl

Wie ich mich neulich verzweifelt frage, wen ich denn nun bloß im September wählen soll, kommt mir die Idee: Ein Programm hat längst keine Partei mehr, und wenn doch, dann unterscheiden sie sich nur marginal voneinander; für Wahlprogramme gilt das umso mehr, da die kurze Vorbereitungszeit alle auf dem linken Fuß erwischt hat.

Wenn aber eine Steuererklärung auf einen Bierdeckel passt, dann doch wohl auch eine politische Grundrichtung auf ein Plakat - da holt man sich also den entscheidenden Anstoß. Gesagt, getan: ein kurzer Spaziergang durch München, dann kriege ich gewiss den Überblick.

Los geht's mit der FDP. Die waren echt schnell: kaum hat Horst Köhler in seiner auffallend telegenen Art die Neuwahlen angekündigt, waren die ersten Plakate da. Auch der Inhalt kann sich sehen lassen: "Mehr FDP, mehr Arbeitsplätze." Das selbe gibt's dann noch mit Bildung und Forschung, vermutlich außerdem mit Freiheit, Wohlstand, gutem Wetter, Schönheit, Geld und was weiß ich allem. Klingt gut, wenngleich dermaßen schlicht, dass klar ist: hier nimmt man den Wähler noch weniger ernst als anderswo. Noch souveräner jedem Anklang von politischem Statement ausweichen könnte man eigentlich nur noch mit sowas wie "FDP und alles wird gut" oder "Macht einfach Euer Kreuz und überlasst den Rest gefälligst uns. Ihr Kasperl, Ihr."

Weiter mit den Feudalherren Bayerns. Die waren auch recht flott, haben dabei allerdings vor lauter Eile unabsichtlich ein paar Humorpunkte ergattert. Die ersten Plakate nämlich waren dieselben, die man nach der letzten Wahl wieder eingesammelt hatte, und zeigten deshalb ein falsches Wahldatum (nicht schlimm), neongelbe "Danke"-Schilder (missverständlich) oder das Konterfei Monika Hohlmeiers (ja, genau die, von der niemand mehr was wissen will, außer dem Untersuchungsausschuss natürlich). Auch sonst zeigen sich trotz lobenswerten Eifers Mängel logistischer und inhaltlicher Art: Da liegt so manches noch wie grad vom Laster geschmissen in Ecken, die ansonsten vor allem von Hunden genutzt werden; dahinter versteckt Angies Plakat, ja wozu gibt man denn eigentlich Unsummen für Imageberater und Visagisten aus, wenn man sie nachher doch wieder versteckt? Anderes wirkt recht nett, beinah menschlich, nur hat der Kandidat offenbar keinerlei politische Aussage zu machen und beschränkt sich daher auf Urlaubswünsche. Letzteres leuchtet ein, schließlich sind politische Statements ("ähhh...") hierzulande auch dem Parteichef vorbehalten, der selbst momentan gerade keine vorzeigbare Position auf Lager hat, nur: muss man das alles so offen zeigen?

Die Grünen zeigen wie gewohnt authentischen Charme: ehrlich, spontan, desorganisiert. Der Joschka war schon da und hat wie immer überzeugt, keine Frage; trotzdem sollte man vielleicht die Plakatfläche mal wieder mit was aktuellerem nutzen. So jedenfalls entsteht der Eindruck, außer Joschka hätte man nichts zu bieten. Das mag ja sogar der Fall sein, aber auch hier gilt: muss man das so offen zeigen?

Was bleibt, mal von Bayernpartei, bibeltreuen Christen und ähnlichem abgesehen, ist das linke Spektrum, beziehungsweise, das, was sich als solches ausgibt. Die SPD bleibt recht diskret im Hintergrund, und das mit Sprüchen, die ihr sowieso längst niemand mehr abkauft ("München wählt Arbeitnehmerrechte"). Von daher ist das mit der Diskretion vielleicht gar nicht so blöd, wie's auf den ersten Blick scheint: Erstens spart man viel Geld, zweitens hält man den unvermeidlichen Hohn auf erträglichem Niveau.

Und das Linksbündnis für eine heilere Welt? Tja... Die sind Spitzenreiter in Sachen "auf dem linken [nota bene!] Fuß erwischt", konnte ja auch keiner ahnen, dass da mit einem Mal so eine geniale Chance daherstolpert. Hätte man das vorhergesehen, hätte man sich vermutlich bei Zeiten um einen Plakatplatz bemüht, aber wie die ARD-Umfrage zeigen, wär' das eh rausgeschmissenes Geld gewesen. Und das könnte man, rein hypothetisch, nach der Wahl noch dringend brauchen, wenn man, rein hypothetisch, tatsächlich irgendwo mitreden darf - schließlich will der warme Geldregen, den man mit sonor-tröstender Stimme all den geschundenen, unterprivilegierten Verlierern der dreiundzwanzigjährigen Ära Kohl-Schröder in Aussicht stellt, irgendwie finanziert sein. Rein hypothetisch.

Hätte ich mir eigentlich denken können: Verbindliche Aussagen, Meinungen, oder wenigstens Alleinstellungsmerkmale im Sinne modernen Marketingfetischismus' - Fehlanzeige. Da fragt man sich unwillkürlich, ob womöglich auch nach der Wahl alles beim alten bleibt...

Facebookgoogle.comVZMister WongTwitteraddthis.comdel.icio.usstumbleupon.com
zur Startseite