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The Things They Carried

(Tim O'Brien) Ich hör's schon: "Bloß nicht so'n Vietnam-Schinken, is' doch ewig her..." Wie der Autor erklärt, ist es aber eigentlich eher Friedens- als Kriegsbuch, mehr Fiktion als Biographie, und überhaupt: Von dem, was Menschen im Krieg so treiben, kann man allweil etwas lernen.

So ist "The Things They Carried" nicht nur in Sachen "wie war das denn damals?" hart auf den Fersen des ultimativen Genreleaders "Dispatches", sondern auch in dem, was nebenbei so über den Menschen in all seiner Pracht rüberkommt. O'Brien weiß, wovon er redet; Januar '69 bis März '70 war er mittendrin dabei: Ich war feige. Ich ging in den Krieg. Ein Hinweis gleich vornweg: Für das hier abgebildete Cover ist einzig der Verlag dieser Ausgabe verantwortlich, das Buch selbst kann so wenig dafür wie der Autor.

O'Brien wurde 1946 in einem Prärie-Kaff in Minnesota geboren (Zitat: "Wenn man im Wörterbuch unter "langweilig" nachsieht, findet man eine kleine Skizze meines Heimatorts"), graduierte 1968 summa cum laude in Politikwissenschaft, erhielt knapp zwei Wochen später seinen Einberufungsbescheid und fand sich flugs für 13 Monate als Infanterist* in Vietnam wieder. Die Zeit davor beschrieb er in seinem ersten Buch (If I Die In A Combat Zone) als schreckliche, verwirrende, traumatische Phase - das Trauma der Entscheidung, nach Kanada abzuhauen oder nicht.

The Things They Carried ist eine Sammlung von Geschichten, die zum Teil bereits zuvor in Magazinen wie dem Esquire erschienen waren. O'Brien vermischt ungeniert Wahrheit und Fiktion: Der Ich-Erzähler ist augenscheinlich immer er selbst, allmählich aber stellt sich heraus, dass es ihm um das Erzählen an sich geht, nicht um den Wahrheitsgehalt des Erzählten. Zwischen den zeitversetzt enstandenen Storys erscheinen Querverbindungen, eine Episode über den "Mann, den ich tötete" etwa wird später wieder mit dem Hinweis aufgegriffen, er habe diesen Mann gar nicht getötet - aber es hätte so geschehen können, weshalb wieder später auch eine andere Schilderung auf eben diesem Ereignis aufbaut. Das Verwirrspiel geht noch einen Schritt weiter, wenn man sich über das Buch hinaus schlau macht. Die Fast-Fahnenflucht mit einer Woche des Haderns wenige Meter von der kanadischen Grenze hat es jedenfalls ebenso wenig gegeben wie die Tochter namens Kathleen, für die der Autor zwanzig Jahre später die Dinge zu erklären versucht...

Hat man sich damit einmal abgefunden und seinen latenten Voyeurismus wieder schlafen geschickt, ist man offen für das, worum es wirklich geht; nicht um die Schilderung tatsächlicher Erlebnisse eines bestimmten Soldaten, die man sich erwartungsvoll schaudernd reinzieht, sondern um das, was mit Menschen in extremen, aufs absolut wesentliche reduzierten Situationen geschieht. Damit wird "The Things They Carried" als Bild im Bild wieder komplett, und so bemerkenswert: Der zeitlich und räumlich distanzierte Autor nutzt seine persönlichen Erfahrungen, um über eine künstlich geschaffene Froschperspektive Erkenntnisse auf der Meta-Ebene zu vermitteln.

* das sind die, die zu Fuß da umherirren, wo wirklich geschossen wird

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